Donnerstag, 8. Juni 2006
Fifa Worldcup Germany 2006
n8aktiv, 00:47h
- oder: Bestandsaufnahme diverser Perversitäten
Zunächst: Wer hier angesichts der Überschrift auf eine euphorische Jubelorgie zum in Kürze stattfindenden Megaevent oder auf eine Abhandlung über sportliche Belange und Erwartungen an DAS Sportereignis dieses Jahres zu hoffen wagt, dem sei aus Schutz vor einer möglicher Enttäuschung geraten, besser nicht weiterzulesen. Wem die Lust jedoch nicht vergangen ist, der sei herzlich eingeladen nun an meinen paar bescheidenen Gedankenfetzen zur aktuell omnipräsenten Fußball-WM teilzuhaben. Aber Achtung: Manchem scheint das Vorliegende möglicherweise wie die berühmte Suche nach dem Haar in der Suppe vorkommen. Das soll es natürlich nicht sein. Eine etwas kritischere Gesamtsicht sei jedoch gestattet und hiermit versucht.
In letzter Zeit schon mal im Supermarkt gewesen? Oder fern gesehen? Mal mit halbwegs geöffneten Augen durch die Stadt geschlendert? Was stand heute Morgen in der Zeitung? Irgendetwas aufgefallen? Genau. Sie kommt. Unaufhaltsam rückt sie näher, die WM, oder wie es korrekt heißt: der FIFA Worldcup Germany 2006. WM-Hysterie aller Orten. Ob Frühstücksfernsehen, Harald-Schmidt-Show oder Tageszeitung: Nur noch ein Thema. Ausgeschlachtet bis aufs Äußerste. Und jeder ist dabei, begeistert, interessiert zumindest. Klar, eine WM kommt nicht jeden Tag über den Weg gelaufen, noch dazu im eigenen Land! Für jeden Fußballfan das Größte! Und für die weniger begeisterten irgendwie auch.
Man kommt ja aber auch schlecht dran vorbei. Denn wo man hinschaut: überall ist WM drin, oder steht zumindest WM drauf. Ob es 11% Fanbonus beim Waschmittel sind, DAS Fanbier schlechthin, DIE WM-Party, DIE WM-Show oder irgendwelche von Firma XY präsentierten Gewinnspiele (Hauptpreis ganz klar natürlich ein paar heiß begehrte Eintrittskarten, Verzeihung WM-Tickets). Pro7 als Sender ohne WM-Übertragungsrechte macht sogar Werbung für ein Kontrastprogramm zur WM für ausgesprochene WM-Hasser garantiert ohne Fußball und bedient sich dabei eben der WM, um den kaum zu existierenden Rest an quotenbringenden Zuschauern abzuschöpfen. Für jeden ist etwas dabei, beim ultimativen WM-Hype. Preisnachlaß und Mehrinhalt für die Sparfüchse, Sammelkarten für die Sammler, Devotionalien für die Dekorationsweltmeister, Handygames für die Jugend und (na ja, immerhin) Spielwiederholungen vergangener Wettbewerbe für die Nostalgiker. So ist das eben. Eine WM im vollkommerzialisierten Zeitalter. Und mal ehrlich: Anders wäre das ja heutzutage gar nicht zu machen. Wir wollen doch schließlich alle Spitzensport sehen. Somit springt jeder so gut oder schlecht er eben kann auf den WM-Zug auf. Und der Zug ist ein wahrer ICE. Inzwischen rappelvoll. Nur die Politiker dürfen nicht – Sähe zu sehr nach Vorteilsnahme aus. Pech gehabt. Also doch Indieröhreglotzen statt Stadionfeeling. Immerhin aber näher am Volk.
Von den offiziellen Sponsoren ganz zu schweigen! Völlig überzeugend kommen die Volksgesundheit ruinierenden Dickmacher Coca-Cola und McDonalds als Werbegiganten für eine Sportveranstaltung herüber. Verständlich, dass auch nur noch eine einzige Automarke rund um die Stadion zu sehen sein darf – die des japanischen WM-Sponsors Hyndai. Das bestimmt die FIFA, und die spielt nämlich gerade Staat im Staat und darf das somit. Laut Verträgen. Dazu gibt es dann gleich auch noch die passende Sprache: Als Stichworte seien nur Marketing, Public Viewing und Volunteers genannt.
Auch wenn dies teilweise nur murrend hingenommen wird. Immerhin werden einige der Kuriositäten zumindest beleuchtet und ins rechte Licht gerückt: Kein deutsches Bier in deutschen Stadien, sondern nur so eine amerikanische Plörre? Skandal! Werbefrei Zone um die Stadien (abgesehen natürlich von den Hauptsponsoren). Ebenso: Eine Bannmeile. Dazu eine ungeheure Datensammelwut und der dazu passende befürchtete Datenausverkauf. Undundund. Aber: Naja, man muß eben mit Kompromissen leben lernen. Man kann nicht alles haben.
Noch eins: Man könnte den Medien zufolge glauben, Deutschland stehe kurz vor einer unglaublichen Katastrophe. Wer uns in den nächsten Wochen alles heimsuchen wird! Terroristen und Spinner aller Art planen den medienwirksamen Massenmord an Unschuldigen (Remeber München 1972), und dann sind da noch die Horden von Hooligans. In erster Linie aus dem rüpelhaften Großbritanien und aus Deutschland. Aber auch der EU-Neuling Polen soll mehrere zehntausend Chaoten mobilisieren! Fragt man sich: Wo sollen die denn alle herkommen? Und wo morden die sonst alle so im Verborgenen vor sich hin, dass man, bis vor kurzem die WM-eigene Sicherheitshysterie einsetzte davon gar nichts mitbekam? Dazu kommen dann noch die hauseigenen braunen Schläger aus dem Osten, die extra vor dem internationalen Megaereignis gewisse Gebiete zu No-Go-Areas für Schwarze erklären (als ob dieses Problem neue wäre!), streikende Ärzte (Wacht auf, die medizinische Versorgung ist nicht mehr gewährleistet!) und protestierende faule Studenten, die Uneinsichtigerweise gerade jetzt ihr Recht auf Bildung verteidigen wollen. Da gibt es einiges zu tun für die Mächtigen und deren Vertreter im Vollzug. Gleichzeitig muß aber der Spagat zwischen totalem Sicherheitswahn und dem WM-Motto („die Welt zu Gast bei Freunden“) unbedingt gelingen! Kein beneidenswertes Unterfangen. Immerhin gibt es Luftraumüberwachung zur Ortung problematischer Flugkörper (zu dumm, dass nicht aktiv eingegriffen, sprich abgeschossen werden darf solange dadurch Unschuldige bedroht sein könnten) und andere kostspielige Notwendigkeiten.
Überall laufen einem die Protagonisten über den Weg: Ob Berufsoptimist und Dauergrinser Bundesklinsi, ob Traumpaar Schweini/Poldi oder sympathischer „Bundesaußenminister“ mit Spezialresort Gute Laune Beckenbauer, weltweit auch der Einfachheit halber einfach „Kaiser“ bekannt. Wo man hinschaut nur noch Fußball. Gestern war sogar die Bundeskanzlerin persönlich bei der Nationalmannschaft. Um den Jungs Mut zuzusprechen und die nationale und internationale Bedeutung der Mission zu unterstreichen. Der Unterstützung durch die Massen dürfen sich die Bundesdeutschen Kicker jedoch sicher sein. Das zeigten mehr als 40.000 Zuschauer beim offiziellen Training in Düsseldorf letzte Woche eindrücklich. Die Palette fußballthematischer Veranstaltungen reicht von Klassikkonzerten über Ausstellungen bis zur Deutschlandtour des WM-Pokals. Obs den Fußball verbessert?
Dazu kommt ein in Deutschland fast befremdlich wirkender aber nun plötzlich (wieder)aufflackernder Nationalstolz oder Patriotismus. Aber kein Grund zur Beunruhigung. Nein, diesmal sind es nicht die braunen Horden. Diesmal ist es Fußball im eigenen Land und da darf man die eigenen Farben schon mal stolz repräsentieren. Geht auch völlig in Ordnung so. Mal sehen, wie sich unser unterschwellig oft durch ein schlechtes Gewissen gebremster Patriotismus gegen den Stolz anderer Nationen im internationalen Vergleich so macht. Uns wird ja oft ein (für mich verständliches) gestörtes Verhältnis zum Nationalstolz nachgesagt. Schade, dass viele nun plötzlich so stolze Deutsche leider nur so wenig über dieses Land zu wissen scheinen. Naja, Pisa lässt grüßen. Aber das ist ein anderes Thema. Egal, es ist Fußball-WM!
Überhaupt: Wer sich dieser Tage alles als Fußballfan outet! Peinlich nur, wenn man trotz aller (kurzfristigen) Begeisterung so gar keine Ahnung hat. Abseits? Bananenflanke? Nun ja, jedem das Seine.
Klar es ist gerade megain. Kann man schon verstehen. Dazu passt schon allein das zugegene hingebungsvoll euphorische Publikum. Alle absolut begeistert und voll bei der Sache. Dazu musste man sich natürlich erst mal einen kompletten Fanshop leerkaufen und umhängen. Kleider machen ja schließlich Leute. Soll ja jeder sehen. Fragt sich nur was man da so sieht. Erwachsene Menschen in Fußballkugelkostümen, geschminkte Gesichter und heiliger Rasen als Kopfbedeckung sind noch das Harmloseste. Gut, Karneval der Völker lasse ich da mal als Argument durchgehen. Schade irgendwie nur, dass der geneigte Fußballfan häufig glaubt, sobald eine Kamera in der Nähe ist, müsse er sich benehmen, als fehlten ihm die entscheidenden drei Gramm Hirn, die den Homo Sapiens sonst von anderen Kreaturen unterscheiden. Als typische Erscheinungsformen seien genannt: Wildes Herumgröhlen simpelsten Liedguts mit Melodien im überschaubaren Bereich (Für den Fachmann aber zu unterscheiden von einheitlichem Fangesang in den Stadien. Achtung: Hier outet sich der Ab-und-An-Stadiongeher, oder gar: der Fernsehprolet!), möglichst bescheuerte Gesten (eventuelle Möglichkeiten: Herumhüpfen, ausgeprägtes Winken, die Beckerfaust in Kombination mit scheinbar schmerzverzerrtem Gesicht, …) und natürlich lautes Kreischen und Hallo-Rufen.
Bestes Beispiel: Sonntag, Brasilien-Neuseeland in Genf, live auf Sat.1 oder RTL. Weiß niocht mehr genau. Egal, jedenfalls auf so einem Nicht-WM-Sender. Kaum schwenkt die Kamera über die Zuschauerreihen hinweg, springen alle empor, vergessen ihr Popkorn und ihre Cola und üben sich im Grimassenschneiden, fluglotsenhaftem Winken und hysterischem Kreischen. Da fragt man sich ernsthaft: Wissen das deren Freunde und Bekannte, das die so sind? Und deren Eltern? WM 2006: Die Fans vor dem Fernseher, das Eventpublikum auf den Sitzplätzen im Stadion. Aber so ist es eben, das neue, pflegeleichte Fußballpublikum, das sonst wählen muß zwischen allerlei vielfältigen Freizeitverbringungsmöglichkeiten (Kino, Freizeitpark, Musical,…). Kurz: Das von wirklichen Fans (im Fernsehjargon Hardcorefans) so genannte Operettenpublikum. Anders ausgedrückt: Willige Kunden. Mal sehen, was die sich nach dem WM-Hype für ein Betätigungsgfeld suchen werden. Vielleicht kommt ja Robbie Williams mal wieder nach Deutschland. Wer sind jetzt also hier die Verrückten?
Immerhin gab es die Tage als Gegenentwurf eine etwas andere Fußballweltmeisterschaft auf St. Pauli.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Ja, ich betrete regelmäßig Fußballstadien, kenne aber kaum Menschen, die dies über längere Zeit ernsthaft tun, die sich derart bescheuert aufführen. Und ach: Nein, ich bin nicht nur gefrustet, da ich keine Tickets erhalten habe. Ich habe auf Tickets für diese vierwöchige Werbeveranstaltung mit gelegentlicher Fußballunterbrechung gerne verzichtet und mich nicht dafür beworben.
Zurück zum Spiel - Gebt den Verrückten ihren Vorgarten zurück!
Abschließend einige WM-Hoffnungen:
Es wird hoffentlich ein Fest der Völker und der Fußball bekommt trotz allem die Möglichkeit seine magische verbindende Kraft zu entfalten. Dank gebührt an dieser Stelle schon mal allen Freiwilligen Helfern und Gastgebern abseits der offiziellen Schiene, welche den Versuch unternehmen, ein wirklich positives vielleicht etwas kleinkarierteres Bild Deutschlands zu vermitteln. Schön, wäre es auch, einen würdigen Weltmeister zu erleben: Neben schönem Fußball sollte vor allem das Land und seine Menschen es verdienen. Ob wir verwöhnten Deutschen uns dafür eignen?
Und ganz persönlich: Ein Ende oder Rückgang des totalen Fußballhypes nach der WM wäre wünschenswert.
Der Ball ist rund. Und: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.
In diesem Sinne. Sport frei!
Zunächst: Wer hier angesichts der Überschrift auf eine euphorische Jubelorgie zum in Kürze stattfindenden Megaevent oder auf eine Abhandlung über sportliche Belange und Erwartungen an DAS Sportereignis dieses Jahres zu hoffen wagt, dem sei aus Schutz vor einer möglicher Enttäuschung geraten, besser nicht weiterzulesen. Wem die Lust jedoch nicht vergangen ist, der sei herzlich eingeladen nun an meinen paar bescheidenen Gedankenfetzen zur aktuell omnipräsenten Fußball-WM teilzuhaben. Aber Achtung: Manchem scheint das Vorliegende möglicherweise wie die berühmte Suche nach dem Haar in der Suppe vorkommen. Das soll es natürlich nicht sein. Eine etwas kritischere Gesamtsicht sei jedoch gestattet und hiermit versucht.
In letzter Zeit schon mal im Supermarkt gewesen? Oder fern gesehen? Mal mit halbwegs geöffneten Augen durch die Stadt geschlendert? Was stand heute Morgen in der Zeitung? Irgendetwas aufgefallen? Genau. Sie kommt. Unaufhaltsam rückt sie näher, die WM, oder wie es korrekt heißt: der FIFA Worldcup Germany 2006. WM-Hysterie aller Orten. Ob Frühstücksfernsehen, Harald-Schmidt-Show oder Tageszeitung: Nur noch ein Thema. Ausgeschlachtet bis aufs Äußerste. Und jeder ist dabei, begeistert, interessiert zumindest. Klar, eine WM kommt nicht jeden Tag über den Weg gelaufen, noch dazu im eigenen Land! Für jeden Fußballfan das Größte! Und für die weniger begeisterten irgendwie auch.
Man kommt ja aber auch schlecht dran vorbei. Denn wo man hinschaut: überall ist WM drin, oder steht zumindest WM drauf. Ob es 11% Fanbonus beim Waschmittel sind, DAS Fanbier schlechthin, DIE WM-Party, DIE WM-Show oder irgendwelche von Firma XY präsentierten Gewinnspiele (Hauptpreis ganz klar natürlich ein paar heiß begehrte Eintrittskarten, Verzeihung WM-Tickets). Pro7 als Sender ohne WM-Übertragungsrechte macht sogar Werbung für ein Kontrastprogramm zur WM für ausgesprochene WM-Hasser garantiert ohne Fußball und bedient sich dabei eben der WM, um den kaum zu existierenden Rest an quotenbringenden Zuschauern abzuschöpfen. Für jeden ist etwas dabei, beim ultimativen WM-Hype. Preisnachlaß und Mehrinhalt für die Sparfüchse, Sammelkarten für die Sammler, Devotionalien für die Dekorationsweltmeister, Handygames für die Jugend und (na ja, immerhin) Spielwiederholungen vergangener Wettbewerbe für die Nostalgiker. So ist das eben. Eine WM im vollkommerzialisierten Zeitalter. Und mal ehrlich: Anders wäre das ja heutzutage gar nicht zu machen. Wir wollen doch schließlich alle Spitzensport sehen. Somit springt jeder so gut oder schlecht er eben kann auf den WM-Zug auf. Und der Zug ist ein wahrer ICE. Inzwischen rappelvoll. Nur die Politiker dürfen nicht – Sähe zu sehr nach Vorteilsnahme aus. Pech gehabt. Also doch Indieröhreglotzen statt Stadionfeeling. Immerhin aber näher am Volk.
Von den offiziellen Sponsoren ganz zu schweigen! Völlig überzeugend kommen die Volksgesundheit ruinierenden Dickmacher Coca-Cola und McDonalds als Werbegiganten für eine Sportveranstaltung herüber. Verständlich, dass auch nur noch eine einzige Automarke rund um die Stadion zu sehen sein darf – die des japanischen WM-Sponsors Hyndai. Das bestimmt die FIFA, und die spielt nämlich gerade Staat im Staat und darf das somit. Laut Verträgen. Dazu gibt es dann gleich auch noch die passende Sprache: Als Stichworte seien nur Marketing, Public Viewing und Volunteers genannt.
Auch wenn dies teilweise nur murrend hingenommen wird. Immerhin werden einige der Kuriositäten zumindest beleuchtet und ins rechte Licht gerückt: Kein deutsches Bier in deutschen Stadien, sondern nur so eine amerikanische Plörre? Skandal! Werbefrei Zone um die Stadien (abgesehen natürlich von den Hauptsponsoren). Ebenso: Eine Bannmeile. Dazu eine ungeheure Datensammelwut und der dazu passende befürchtete Datenausverkauf. Undundund. Aber: Naja, man muß eben mit Kompromissen leben lernen. Man kann nicht alles haben.
Noch eins: Man könnte den Medien zufolge glauben, Deutschland stehe kurz vor einer unglaublichen Katastrophe. Wer uns in den nächsten Wochen alles heimsuchen wird! Terroristen und Spinner aller Art planen den medienwirksamen Massenmord an Unschuldigen (Remeber München 1972), und dann sind da noch die Horden von Hooligans. In erster Linie aus dem rüpelhaften Großbritanien und aus Deutschland. Aber auch der EU-Neuling Polen soll mehrere zehntausend Chaoten mobilisieren! Fragt man sich: Wo sollen die denn alle herkommen? Und wo morden die sonst alle so im Verborgenen vor sich hin, dass man, bis vor kurzem die WM-eigene Sicherheitshysterie einsetzte davon gar nichts mitbekam? Dazu kommen dann noch die hauseigenen braunen Schläger aus dem Osten, die extra vor dem internationalen Megaereignis gewisse Gebiete zu No-Go-Areas für Schwarze erklären (als ob dieses Problem neue wäre!), streikende Ärzte (Wacht auf, die medizinische Versorgung ist nicht mehr gewährleistet!) und protestierende faule Studenten, die Uneinsichtigerweise gerade jetzt ihr Recht auf Bildung verteidigen wollen. Da gibt es einiges zu tun für die Mächtigen und deren Vertreter im Vollzug. Gleichzeitig muß aber der Spagat zwischen totalem Sicherheitswahn und dem WM-Motto („die Welt zu Gast bei Freunden“) unbedingt gelingen! Kein beneidenswertes Unterfangen. Immerhin gibt es Luftraumüberwachung zur Ortung problematischer Flugkörper (zu dumm, dass nicht aktiv eingegriffen, sprich abgeschossen werden darf solange dadurch Unschuldige bedroht sein könnten) und andere kostspielige Notwendigkeiten.
Überall laufen einem die Protagonisten über den Weg: Ob Berufsoptimist und Dauergrinser Bundesklinsi, ob Traumpaar Schweini/Poldi oder sympathischer „Bundesaußenminister“ mit Spezialresort Gute Laune Beckenbauer, weltweit auch der Einfachheit halber einfach „Kaiser“ bekannt. Wo man hinschaut nur noch Fußball. Gestern war sogar die Bundeskanzlerin persönlich bei der Nationalmannschaft. Um den Jungs Mut zuzusprechen und die nationale und internationale Bedeutung der Mission zu unterstreichen. Der Unterstützung durch die Massen dürfen sich die Bundesdeutschen Kicker jedoch sicher sein. Das zeigten mehr als 40.000 Zuschauer beim offiziellen Training in Düsseldorf letzte Woche eindrücklich. Die Palette fußballthematischer Veranstaltungen reicht von Klassikkonzerten über Ausstellungen bis zur Deutschlandtour des WM-Pokals. Obs den Fußball verbessert?
Dazu kommt ein in Deutschland fast befremdlich wirkender aber nun plötzlich (wieder)aufflackernder Nationalstolz oder Patriotismus. Aber kein Grund zur Beunruhigung. Nein, diesmal sind es nicht die braunen Horden. Diesmal ist es Fußball im eigenen Land und da darf man die eigenen Farben schon mal stolz repräsentieren. Geht auch völlig in Ordnung so. Mal sehen, wie sich unser unterschwellig oft durch ein schlechtes Gewissen gebremster Patriotismus gegen den Stolz anderer Nationen im internationalen Vergleich so macht. Uns wird ja oft ein (für mich verständliches) gestörtes Verhältnis zum Nationalstolz nachgesagt. Schade, dass viele nun plötzlich so stolze Deutsche leider nur so wenig über dieses Land zu wissen scheinen. Naja, Pisa lässt grüßen. Aber das ist ein anderes Thema. Egal, es ist Fußball-WM!
Überhaupt: Wer sich dieser Tage alles als Fußballfan outet! Peinlich nur, wenn man trotz aller (kurzfristigen) Begeisterung so gar keine Ahnung hat. Abseits? Bananenflanke? Nun ja, jedem das Seine.
Klar es ist gerade megain. Kann man schon verstehen. Dazu passt schon allein das zugegene hingebungsvoll euphorische Publikum. Alle absolut begeistert und voll bei der Sache. Dazu musste man sich natürlich erst mal einen kompletten Fanshop leerkaufen und umhängen. Kleider machen ja schließlich Leute. Soll ja jeder sehen. Fragt sich nur was man da so sieht. Erwachsene Menschen in Fußballkugelkostümen, geschminkte Gesichter und heiliger Rasen als Kopfbedeckung sind noch das Harmloseste. Gut, Karneval der Völker lasse ich da mal als Argument durchgehen. Schade irgendwie nur, dass der geneigte Fußballfan häufig glaubt, sobald eine Kamera in der Nähe ist, müsse er sich benehmen, als fehlten ihm die entscheidenden drei Gramm Hirn, die den Homo Sapiens sonst von anderen Kreaturen unterscheiden. Als typische Erscheinungsformen seien genannt: Wildes Herumgröhlen simpelsten Liedguts mit Melodien im überschaubaren Bereich (Für den Fachmann aber zu unterscheiden von einheitlichem Fangesang in den Stadien. Achtung: Hier outet sich der Ab-und-An-Stadiongeher, oder gar: der Fernsehprolet!), möglichst bescheuerte Gesten (eventuelle Möglichkeiten: Herumhüpfen, ausgeprägtes Winken, die Beckerfaust in Kombination mit scheinbar schmerzverzerrtem Gesicht, …) und natürlich lautes Kreischen und Hallo-Rufen.
Bestes Beispiel: Sonntag, Brasilien-Neuseeland in Genf, live auf Sat.1 oder RTL. Weiß niocht mehr genau. Egal, jedenfalls auf so einem Nicht-WM-Sender. Kaum schwenkt die Kamera über die Zuschauerreihen hinweg, springen alle empor, vergessen ihr Popkorn und ihre Cola und üben sich im Grimassenschneiden, fluglotsenhaftem Winken und hysterischem Kreischen. Da fragt man sich ernsthaft: Wissen das deren Freunde und Bekannte, das die so sind? Und deren Eltern? WM 2006: Die Fans vor dem Fernseher, das Eventpublikum auf den Sitzplätzen im Stadion. Aber so ist es eben, das neue, pflegeleichte Fußballpublikum, das sonst wählen muß zwischen allerlei vielfältigen Freizeitverbringungsmöglichkeiten (Kino, Freizeitpark, Musical,…). Kurz: Das von wirklichen Fans (im Fernsehjargon Hardcorefans) so genannte Operettenpublikum. Anders ausgedrückt: Willige Kunden. Mal sehen, was die sich nach dem WM-Hype für ein Betätigungsgfeld suchen werden. Vielleicht kommt ja Robbie Williams mal wieder nach Deutschland. Wer sind jetzt also hier die Verrückten?
Immerhin gab es die Tage als Gegenentwurf eine etwas andere Fußballweltmeisterschaft auf St. Pauli.
Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Ja, ich betrete regelmäßig Fußballstadien, kenne aber kaum Menschen, die dies über längere Zeit ernsthaft tun, die sich derart bescheuert aufführen. Und ach: Nein, ich bin nicht nur gefrustet, da ich keine Tickets erhalten habe. Ich habe auf Tickets für diese vierwöchige Werbeveranstaltung mit gelegentlicher Fußballunterbrechung gerne verzichtet und mich nicht dafür beworben.
Zurück zum Spiel - Gebt den Verrückten ihren Vorgarten zurück!
Abschließend einige WM-Hoffnungen:
Es wird hoffentlich ein Fest der Völker und der Fußball bekommt trotz allem die Möglichkeit seine magische verbindende Kraft zu entfalten. Dank gebührt an dieser Stelle schon mal allen Freiwilligen Helfern und Gastgebern abseits der offiziellen Schiene, welche den Versuch unternehmen, ein wirklich positives vielleicht etwas kleinkarierteres Bild Deutschlands zu vermitteln. Schön, wäre es auch, einen würdigen Weltmeister zu erleben: Neben schönem Fußball sollte vor allem das Land und seine Menschen es verdienen. Ob wir verwöhnten Deutschen uns dafür eignen?
Und ganz persönlich: Ein Ende oder Rückgang des totalen Fußballhypes nach der WM wäre wünschenswert.
Der Ball ist rund. Und: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.
In diesem Sinne. Sport frei!
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