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Montag, 10. April 2006
Buslinie Dreizehn
n8aktiv, 20:54h
Die Luft wirkt frisch und doch ein wenig drückend. Der kürzlich niedergegangene Regenschauer brachte endlich Abkühlung und reinigte die Luft vom Staub der ersten heißen Frühsommertage. Die drückende Hitze ist nun einer angenehm frischen, von würzigem Duft geschwängerten Brise gewichen. In den Pfützen auf dem Asphalt spiegelt sich der von den aufreißenden Wolken immer weiter freigegebene kräftig blaue Himmel. In der Ferne sind noch wuchtig aufgetürmt die letzten Ausläufer der dunklen Schauerwolken zu erkennen. Letzte Zeugen des reinigenden Schauers.
Auf dem belebten Bahnhofsvorplatz wuseln wie immer um diese Tageszeit, einem aufgescheuchten Ameisenhaufen gleich, geschäftige Menschenmengen umher. Die einen streben zielgerichtet dem Bahnhof zu, andere werden aus den großen Flügeltüren der Bahnhofshalle tröpfchenweiße, wie Bienen aus dem Bienenstock ausgespuckt. Stadtbusse schlängeln sich raupengleich durch das System aus Haltestellen und Laternenmasten. Dazwischen quetschen sich hektisch gelbe Taxis hindurch. Überall drängen Menschen in wartende Busse oder versammeln sich in Trauben zu fünf bis fünfundzwanzig Personen unter den Dächern der Haltestellen.
Simon sitzt leicht nach vorne gebeugt, die Ellenbogen auf den Schoß gestützt unter dem gläsernen Dach. Das Werbeplakat eines lokalen privaten Radiosenders auf der ihm zugewendeten Rückwand der benachbarten Haltestelle beschäftigt ihn für einige Augenblicke. Bis er zu dem Entschluß kommt, dass der reißerische, aber originelle Slogan eindeutig die Qualität der angepriesenen Frühstückssendung übersteigt. Er blickt auf die Uhr. Noch immer acht Minuten. Wenn der Dreizehner keine Verspätung hat, was um diese Zeit leicht vorkommen kann.
In der Pfütze direkt vor ihm spiegelt sich ein hübsches junges Mädchen. Ihre Silhouette hebt sich deutlich vom blauweißen Himmel ab. Gespannt, ob das Original zu halten im Stande ist, was das Spiegelbild verspricht, wendet er sich dem Mädchen zu. Langsam mustert er sie von oben bis unten. Dann fällt er sein fachmännisches, aber zugleich auch gnadenloses Urteil. Auch wenn er sich der Oberflächlichkeit einer solchen Bewertung im Allgemeinen und der Ungerechtigkeit der Methode im Besonderen nur allzu gut bewusst ist, nimmt er doch mit Genuß seine übliche Katalogisierung vor. Süßes Gesicht, wenn auch etwas übertrieben geschminkt, verheißungsvolles Dekollete - wahrscheinlich Wonderbra, aufregende Taille, leider etwas zu breiter Hintern. Gesamteindruck: ganz nett, leider etwas zu jung. Die nächste bitte.
Ein alter Mann mit Stock und prall gefüllter Einkaufstüte schlurft vorbei.
Simon muß an die beiden netten Mädels denken, die vor einigen Wochen seiner Referatsgruppe zugeteilt worden waren. Er fühlte sich von Anfang an zwischen den beiden hin und her gerissen. Er kann sich einfach nicht entscheiden, wem er mehr Aufmerksamkeit schenken soll. Der extrovertierten fröhlichen Catrin mit den blonden langen Locken, dem aufregenden Piercing im rechten Mundwinkel und den unglaublichsten grünen Augen, die er je gesehen hat. Mit ihr kann man einfach eine Menge Spaß haben. Auf der anderen Seite ist da Helen, zurückhaltend, fast schüchtern. Aber mit den dunklen Haaren, den tiefen treuen Rehaugen und dem schüchternen Lächeln etwas ganz besonderes. Sie wirkte auf ihn von Anfang an faszinierend, mysteriös und auf eine versteckte Art geheimnisvoll. Oft schon war es ihm schwer gefallen, während des Seminars seinen Blick von ihr wieder loszureißen. Sie war zweifellos nett, gleichzeitig aber auch seltsam rätselhaft. Er wurde bisher aus ihr noch nicht so recht schlau. Aber er mochte es schon immer, wenn Frauen etwas Besonderes, Reizvolles, manchmal sogar Geheimnisvolles hatten.
Welcher von beiden sollte er nun mehr Aufmerksamkeit schenken? Die Eroberung Catrins dürfte zweifellos leichter fallen. Doch an Helen reizte ihn von Beginn an die Aufgabe, eine Festung mit unbekannten Hindernissen erobern und somit einen größeren Sieg erringen zu können. Aber bisher hatte er sich noch nicht entschieden. Was hatte ihm Markus, sein Mitbewohner, geraten: Halte dir am besten möglichst lange alle Optionen offen. Genau das würde er tun.
Der Blick auf die Uhr verrät immer noch lästige vier Minuten Wartezeit. Wenn der Dreizehner pünktlich ist. Hoffentlich würde die aktuelle Verkehrslage keine allzu große Verzögerung verursachen.
Aus dem Augenwinkel bemerkt er eine junge Frau, die unsicher und schüchtern den freien Platz neben ihm auf der Bank einnimmt. Beim vorsichtigen Hinüberlinsen fallen ihm ein geblümtes Kleid, für seinen Geschmack viel zu kräftige Waden und dazu passend viel zu klobig und plump wirkende Turnschuhe auf. Schnell widmet er sich einer Gruppe Teenager, die johlend vorbeischlurft.
Plötzlich spricht ihn jemand an. Es ist die junge Frau. Im ersten Moment ist ihm nicht bewusst, dass er gemeint ist. Irritiert schaut er sie an. Aber doch, sie meint genau ihn.
„Tschuldigung. Kann ich dich mal was fragen?“
„Sicher“, gibt er etwas mürrisch zurück.
„Wenn ein Mann zu dir sagt: Irgendwie liebe ich dich schon noch. Was heißt das?“
Ihre Stimme klingt traurig, gebrochen vor emotionaler Erregung unsicher, fast weinerlich und ihre Worte klingen daher seltsam artikuliert. Die fransigen dunklen Haare hängen wirr ins Gesicht. Ihr Blick ist flehend erwartungsvoll und starr. Die glasigen geröteten Augen werden von dunklen Ringen umlagert, wirken tief und eingefallen.
Oje, was haben wir denn hier für ein hoffnungslos trostloses Häufchen Elend, denkt sich der Student. In einer aussichtslosen Situation klammert sie sich, schwach wie sie ist an den letzten kleinen Funken Hoffnung, anstatt sich das Ende einzugestehen und zu akzeptieren. Kein Wunder, dass der Typ kein Bock mehr auf diese Tante hat.
Kurz überlegt er, was er ihr sagen soll. Soll er ihr wirklich sagen, was er denkt? Aber ob sie es verkraftet, wenn man ihr knallhart sagt, dass der Typ sie entweder nur möglichst schonungsvoll loswerden will, oder nicht die Eier dazu hat, ihr ehrlich ins Gesicht zu sagen, dass er sie nicht mehr will. Nicht, dass die hier noch anfängt zu flennen.
Sollte er sich daher nicht eher ein wenig um die junge Frau kümmern, sie beruhigen, ihr zuhören. Hat das eigentlich nicht jeder Mensch verdient? Einen Mensch, der sich um dich kümmert, wenn es dir dreckig geht. Aber warum sollte ausgerechnet er hier und jetzt dieser Mensch sein? Nein, darauf hab ich jetzt mal gar keinen Bock. Ich bin doch hier kein Seelenklempner für gescheiterte Existenzen!
Er entscheidet sich also, ihr ungefähr das zu erzählen, was er glaubt, was sie gerne hören würde und damit für den bequemsten Weg. Einerseits, um sie etwas zu beruhigen, andererseits aber auch, was ihm fast wichtiger ist, um sie möglichst schnell wieder los zu werden. Er hat eben einfach null Bock auf so eine Scheiße! Was denkt die sich überhaupt? Was erwartet die denn? Was soll man denn in solch einer Situation sagen?
Er erzählt ihr also, dass sie und ihr Partner sich offensichtlich in einer schwierigen Phase befinden, aber dieser Umstand natürlich nicht zwangsläufig bedeuten muß, dass bereits alles zu spät ist. Vielleicht wäre etwas Abstand auf Zeit ja gar nicht so schlecht, rät er ihr. Die Situation wird ihm zunehmend unangenehmer.
Hoffentlich denkt keiner der Umstehenden, ich kenne die Tante!
Sein unbeholfenes Gelaber scheint seine Wirkung aber glücklicherweise nicht ganz zu verfehlen, denn die junge Frau wird schon etwas ruhiger. Offensichtlich scheint es schon zu genügen, dass überhaupt jemand mit ihr redet. Wie verzweifelt muß man sein, denkt sich Simon. Er fühlt sich bei der Sache wirklich unwohl.
Da naht endlich die Rettung in Form des Dreizehners. Bereits als er vorne um die Ecke biegt, verabschiedet sich Simon hastig mit einem kurzen: „Sorry, aber ich muß weg. Mein Bus… Alles Gute.“
Dann nichts wie weg.
Oh Mann, was für Freaks sind denn hier unterwegs, denkt er sich, als er bereits in den Bus steigt. Froh, nun endlich den letzten Teil seiner Heimreise antreten zum können schaut er im Vorbeifahren noch einmal aus dem Fenster zurück. Die junge Frau sitzt noch immer dort und starrt traurig auf den Boden.
Zwei Tage später. Simon sitzt beim Frühstück in der engen kleinen Küche. Er schmiert sich gerade Nutella auf ein Toastbrot. Dabei liest er ein Thesenpapier für das Referat in der kommenden Woche, das ihm Catrin per e-Mail zur Durchsicht hat zukommen lassen. Ihm gegenüber sitzt sein Mitbewohner Markus, der über die Zeitung gebeugt lautstark eine Schüssel Cornflakes in sich hineinschaufelt. Dabei schüttelt er ab und an gedankenverloren den Kopf, oder lässt ein zustimmendes Brummen hören.
Simon schaut aus dem Fenster. Es verspricht ein schöner sonniger Tag zu werden. In den Nachrichten hatten sie etwas von angenehmen zweiundzwanzig bis fünfundzwanzig Grad gesagt. Ob Catrin heute wieder ihr scharfes rotes Top tragen wird? Was Helen sagen wird, wenn ich sie nach der Vorlesung noch auf einen Kaffe einlade? Er kann zum Glück noch gemütlich zu Ende frühstücken, denn im Gegensatz zu Markus war er schon duschen gewesen. Schön, wenn man erst um elf an der Uni sein muß. Markus hat inzwischen seine Schüssel Cornflakes verputzt und den Rest Milch mit einem gierigen Schluck direkt aus der Schüssel heruntergeschlungen. Er reicht Simon die Zeitung mit dem Hinweis:
„Hier bitte. Seite drei, die Karikatur ist spitze. Ich geh kurz duschen.“
Simon lässt ein zustimmendes Brummen hören, beist in sein Toastbrot und nimmt sich ohne aufzusehen die Zeitung. Während er nach dem Kaffe greift, überfliegt er die Titelseite. Der fortschreitende Sozialabbau und der Beschluß weiterer Rentenkürzungen beherrschen mal wieder die Schlagzeilen. Das Titelbild zeigt den Außenminister bei seinem Besuch im Moskauer Kreml. Simon nimmt einen großen Schluck Kaffe und wendet die Zeitung, um sich den unteren Teil der Titelseite anzusehen.
Plötzlich zuckt er zusammen. Er verschluckt sich und leert sich beinahe heißen Kaffe über das frische Hemd. Was ist das? Er starrt das Foto an. Die Augen der Person werden von einem schwarzen Balken verdeckt. Kein Zweifel. Es ist eindeutig die junge Frau. Doch sie sieht jünger und gepflegter aus, als vor zwei Tagen am zentralen Omnibusbahnhof. Und sie schaut ihn freundlich lächelnd an. Doch die Schlagzeile darunter verschlägt ihm die Sprache und macht ihn schlagartig betroffen. Vorbei ist die Vorfreude auf einen schönen Sommertag mit netten Mädels. Tragischer Suizid legt Schienenverkehr lahm, steht dort schwarz auf weiß geschrieben. Darunter werden in einem kurzen Artikel die Zusammenfassung des tragischen Falls und seine Folgen geschildert. Simon überfliegt den Artikel, dann starrt er erneut auf das Foto der jungen Frau. Kein Zweifel. Es ist die junge Frau, die ihn zwei Tage zuvor angesprochen und mit ihren Problemen belästigt hatte und von der er so schnell wie möglich wieder wegkommen wollte.
Sein Appetit ist ihm mit einem Schlag vergangen. Lustlos legt er das halbe Toastbrot aus der Hand. Dann liest er den Artikel erneut. Und zwar diesmal genau. Er will wissen, was mit der Frau passiert ist. Die junge Frau, Tanja F. (26), war seit mehreren Tagen vermisst worden und hatte sich laut Morgenanzeiger in der Nacht zum Mittwoch von einer Brücke vor einen fahrenden Zug gestürzt. Die Strecke mußte daraufhin für mehrere Stunden gesperrt werden. Die Polizei schließt Fremdeinwirkung zum jetzigen Zeitpunkt aus und vermutet Liebeskummer als Ursache für den Suizid.
Simon starrt erneut auf das Foto. Er kann nicht glauben, was er da lesen muß. Es ist ein Passfoto, das die Presse dem Artikel beigefügt hat. Es muß etwas älter sein, denn die junge Frau wirkt jünger. Überhaupt wirkt sie gar nicht wie eine angehende Selbstmörderin. Nein, sie wirkt so normal. Nett, freundlich, gepflegt, nicht unbedingt sonderlich hübsch, dafür beinahe lebenslustig. Eine ganz normale junge Frau eben. Und jetzt? Jetzt ist sie tot.
Ein Schauer erfasst Simon. Ein schlechtes Gewissen macht sich zunehmend in ihm breit. Nicht nur, weil er überhaupt vielleicht einer der letzten war, dem sich die junge Frau in ihrer offensichtlichen Verzweiflung anvertraut hatte. Auch, weil er sie einfach nicht ernst genommen hatte. Im Gegenteil, er fand sie abstoßend und nervig. Und am nächsten Tag hatte er die Geschichte der Begegnung als gute Story unter seinen Freunden verkauft. Er hatte das tragische Schicksal der jungen Frau nicht nur ignoriert, sondern auch als Unterhaltungsmedium zum Zeitvertreib zwischen zwei Vorlesungen missbraucht. Und gemeinsam hatten sie sich dann über all diese durchgeknallten Freaks, die Verzweifelten und psychisch Labilen lustig gemacht. Wer konnte aber schon ahnen, dass es so schlimm um die Frau stand.
Simon fühlt sich mies und schuldig. Schuldig, weil er nichts Ernsthaftes unternommen hatte, die Verzweiflung nicht erkannt oder ernst genommen hatte, und mies, weil sie sich anschließend auch noch über das Leid anderer lustig gemacht hatten.
Er trinkt seinen Kaffe aus und beschließt zur Polizei zu gehen, um dort von seiner im Nachhinein nun unheimlichen Begegnung zu berichten. Es hat wohl keinen großartigen Sinn. Das ist ihm klar. Aber es scheint ihm doch das Geringste und Mindeste, was er nun für die junge Frau noch tun kann. Vielleicht ist es ja auch irgendwie möglich, den Angehörigen sein aufrichtiges Beileid und tief empfundenes Mitgefühl auszusprechen, oder dem Typ, der die junge Frau verlassen wollte, zu sagen, was er für ein Scheißkerl ist. Egal, was: Irgendetwas will und muß er tun.
Da kommt Markus aus der Dusche und will aufdringlich wissen, was Simon von der angesprochenen Karikatur auf Seite drei hält.
„Lass mich mit deiner scheiß Karikatur in Frieden. Es gibt wichtigeres im Leben.“
Und auch die Uni, seine Kumpels, Catrin und Helen können warten.
Auf dem belebten Bahnhofsvorplatz wuseln wie immer um diese Tageszeit, einem aufgescheuchten Ameisenhaufen gleich, geschäftige Menschenmengen umher. Die einen streben zielgerichtet dem Bahnhof zu, andere werden aus den großen Flügeltüren der Bahnhofshalle tröpfchenweiße, wie Bienen aus dem Bienenstock ausgespuckt. Stadtbusse schlängeln sich raupengleich durch das System aus Haltestellen und Laternenmasten. Dazwischen quetschen sich hektisch gelbe Taxis hindurch. Überall drängen Menschen in wartende Busse oder versammeln sich in Trauben zu fünf bis fünfundzwanzig Personen unter den Dächern der Haltestellen.
Simon sitzt leicht nach vorne gebeugt, die Ellenbogen auf den Schoß gestützt unter dem gläsernen Dach. Das Werbeplakat eines lokalen privaten Radiosenders auf der ihm zugewendeten Rückwand der benachbarten Haltestelle beschäftigt ihn für einige Augenblicke. Bis er zu dem Entschluß kommt, dass der reißerische, aber originelle Slogan eindeutig die Qualität der angepriesenen Frühstückssendung übersteigt. Er blickt auf die Uhr. Noch immer acht Minuten. Wenn der Dreizehner keine Verspätung hat, was um diese Zeit leicht vorkommen kann.
In der Pfütze direkt vor ihm spiegelt sich ein hübsches junges Mädchen. Ihre Silhouette hebt sich deutlich vom blauweißen Himmel ab. Gespannt, ob das Original zu halten im Stande ist, was das Spiegelbild verspricht, wendet er sich dem Mädchen zu. Langsam mustert er sie von oben bis unten. Dann fällt er sein fachmännisches, aber zugleich auch gnadenloses Urteil. Auch wenn er sich der Oberflächlichkeit einer solchen Bewertung im Allgemeinen und der Ungerechtigkeit der Methode im Besonderen nur allzu gut bewusst ist, nimmt er doch mit Genuß seine übliche Katalogisierung vor. Süßes Gesicht, wenn auch etwas übertrieben geschminkt, verheißungsvolles Dekollete - wahrscheinlich Wonderbra, aufregende Taille, leider etwas zu breiter Hintern. Gesamteindruck: ganz nett, leider etwas zu jung. Die nächste bitte.
Ein alter Mann mit Stock und prall gefüllter Einkaufstüte schlurft vorbei.
Simon muß an die beiden netten Mädels denken, die vor einigen Wochen seiner Referatsgruppe zugeteilt worden waren. Er fühlte sich von Anfang an zwischen den beiden hin und her gerissen. Er kann sich einfach nicht entscheiden, wem er mehr Aufmerksamkeit schenken soll. Der extrovertierten fröhlichen Catrin mit den blonden langen Locken, dem aufregenden Piercing im rechten Mundwinkel und den unglaublichsten grünen Augen, die er je gesehen hat. Mit ihr kann man einfach eine Menge Spaß haben. Auf der anderen Seite ist da Helen, zurückhaltend, fast schüchtern. Aber mit den dunklen Haaren, den tiefen treuen Rehaugen und dem schüchternen Lächeln etwas ganz besonderes. Sie wirkte auf ihn von Anfang an faszinierend, mysteriös und auf eine versteckte Art geheimnisvoll. Oft schon war es ihm schwer gefallen, während des Seminars seinen Blick von ihr wieder loszureißen. Sie war zweifellos nett, gleichzeitig aber auch seltsam rätselhaft. Er wurde bisher aus ihr noch nicht so recht schlau. Aber er mochte es schon immer, wenn Frauen etwas Besonderes, Reizvolles, manchmal sogar Geheimnisvolles hatten.
Welcher von beiden sollte er nun mehr Aufmerksamkeit schenken? Die Eroberung Catrins dürfte zweifellos leichter fallen. Doch an Helen reizte ihn von Beginn an die Aufgabe, eine Festung mit unbekannten Hindernissen erobern und somit einen größeren Sieg erringen zu können. Aber bisher hatte er sich noch nicht entschieden. Was hatte ihm Markus, sein Mitbewohner, geraten: Halte dir am besten möglichst lange alle Optionen offen. Genau das würde er tun.
Der Blick auf die Uhr verrät immer noch lästige vier Minuten Wartezeit. Wenn der Dreizehner pünktlich ist. Hoffentlich würde die aktuelle Verkehrslage keine allzu große Verzögerung verursachen.
Aus dem Augenwinkel bemerkt er eine junge Frau, die unsicher und schüchtern den freien Platz neben ihm auf der Bank einnimmt. Beim vorsichtigen Hinüberlinsen fallen ihm ein geblümtes Kleid, für seinen Geschmack viel zu kräftige Waden und dazu passend viel zu klobig und plump wirkende Turnschuhe auf. Schnell widmet er sich einer Gruppe Teenager, die johlend vorbeischlurft.
Plötzlich spricht ihn jemand an. Es ist die junge Frau. Im ersten Moment ist ihm nicht bewusst, dass er gemeint ist. Irritiert schaut er sie an. Aber doch, sie meint genau ihn.
„Tschuldigung. Kann ich dich mal was fragen?“
„Sicher“, gibt er etwas mürrisch zurück.
„Wenn ein Mann zu dir sagt: Irgendwie liebe ich dich schon noch. Was heißt das?“
Ihre Stimme klingt traurig, gebrochen vor emotionaler Erregung unsicher, fast weinerlich und ihre Worte klingen daher seltsam artikuliert. Die fransigen dunklen Haare hängen wirr ins Gesicht. Ihr Blick ist flehend erwartungsvoll und starr. Die glasigen geröteten Augen werden von dunklen Ringen umlagert, wirken tief und eingefallen.
Oje, was haben wir denn hier für ein hoffnungslos trostloses Häufchen Elend, denkt sich der Student. In einer aussichtslosen Situation klammert sie sich, schwach wie sie ist an den letzten kleinen Funken Hoffnung, anstatt sich das Ende einzugestehen und zu akzeptieren. Kein Wunder, dass der Typ kein Bock mehr auf diese Tante hat.
Kurz überlegt er, was er ihr sagen soll. Soll er ihr wirklich sagen, was er denkt? Aber ob sie es verkraftet, wenn man ihr knallhart sagt, dass der Typ sie entweder nur möglichst schonungsvoll loswerden will, oder nicht die Eier dazu hat, ihr ehrlich ins Gesicht zu sagen, dass er sie nicht mehr will. Nicht, dass die hier noch anfängt zu flennen.
Sollte er sich daher nicht eher ein wenig um die junge Frau kümmern, sie beruhigen, ihr zuhören. Hat das eigentlich nicht jeder Mensch verdient? Einen Mensch, der sich um dich kümmert, wenn es dir dreckig geht. Aber warum sollte ausgerechnet er hier und jetzt dieser Mensch sein? Nein, darauf hab ich jetzt mal gar keinen Bock. Ich bin doch hier kein Seelenklempner für gescheiterte Existenzen!
Er entscheidet sich also, ihr ungefähr das zu erzählen, was er glaubt, was sie gerne hören würde und damit für den bequemsten Weg. Einerseits, um sie etwas zu beruhigen, andererseits aber auch, was ihm fast wichtiger ist, um sie möglichst schnell wieder los zu werden. Er hat eben einfach null Bock auf so eine Scheiße! Was denkt die sich überhaupt? Was erwartet die denn? Was soll man denn in solch einer Situation sagen?
Er erzählt ihr also, dass sie und ihr Partner sich offensichtlich in einer schwierigen Phase befinden, aber dieser Umstand natürlich nicht zwangsläufig bedeuten muß, dass bereits alles zu spät ist. Vielleicht wäre etwas Abstand auf Zeit ja gar nicht so schlecht, rät er ihr. Die Situation wird ihm zunehmend unangenehmer.
Hoffentlich denkt keiner der Umstehenden, ich kenne die Tante!
Sein unbeholfenes Gelaber scheint seine Wirkung aber glücklicherweise nicht ganz zu verfehlen, denn die junge Frau wird schon etwas ruhiger. Offensichtlich scheint es schon zu genügen, dass überhaupt jemand mit ihr redet. Wie verzweifelt muß man sein, denkt sich Simon. Er fühlt sich bei der Sache wirklich unwohl.
Da naht endlich die Rettung in Form des Dreizehners. Bereits als er vorne um die Ecke biegt, verabschiedet sich Simon hastig mit einem kurzen: „Sorry, aber ich muß weg. Mein Bus… Alles Gute.“
Dann nichts wie weg.
Oh Mann, was für Freaks sind denn hier unterwegs, denkt er sich, als er bereits in den Bus steigt. Froh, nun endlich den letzten Teil seiner Heimreise antreten zum können schaut er im Vorbeifahren noch einmal aus dem Fenster zurück. Die junge Frau sitzt noch immer dort und starrt traurig auf den Boden.
Zwei Tage später. Simon sitzt beim Frühstück in der engen kleinen Küche. Er schmiert sich gerade Nutella auf ein Toastbrot. Dabei liest er ein Thesenpapier für das Referat in der kommenden Woche, das ihm Catrin per e-Mail zur Durchsicht hat zukommen lassen. Ihm gegenüber sitzt sein Mitbewohner Markus, der über die Zeitung gebeugt lautstark eine Schüssel Cornflakes in sich hineinschaufelt. Dabei schüttelt er ab und an gedankenverloren den Kopf, oder lässt ein zustimmendes Brummen hören.
Simon schaut aus dem Fenster. Es verspricht ein schöner sonniger Tag zu werden. In den Nachrichten hatten sie etwas von angenehmen zweiundzwanzig bis fünfundzwanzig Grad gesagt. Ob Catrin heute wieder ihr scharfes rotes Top tragen wird? Was Helen sagen wird, wenn ich sie nach der Vorlesung noch auf einen Kaffe einlade? Er kann zum Glück noch gemütlich zu Ende frühstücken, denn im Gegensatz zu Markus war er schon duschen gewesen. Schön, wenn man erst um elf an der Uni sein muß. Markus hat inzwischen seine Schüssel Cornflakes verputzt und den Rest Milch mit einem gierigen Schluck direkt aus der Schüssel heruntergeschlungen. Er reicht Simon die Zeitung mit dem Hinweis:
„Hier bitte. Seite drei, die Karikatur ist spitze. Ich geh kurz duschen.“
Simon lässt ein zustimmendes Brummen hören, beist in sein Toastbrot und nimmt sich ohne aufzusehen die Zeitung. Während er nach dem Kaffe greift, überfliegt er die Titelseite. Der fortschreitende Sozialabbau und der Beschluß weiterer Rentenkürzungen beherrschen mal wieder die Schlagzeilen. Das Titelbild zeigt den Außenminister bei seinem Besuch im Moskauer Kreml. Simon nimmt einen großen Schluck Kaffe und wendet die Zeitung, um sich den unteren Teil der Titelseite anzusehen.
Plötzlich zuckt er zusammen. Er verschluckt sich und leert sich beinahe heißen Kaffe über das frische Hemd. Was ist das? Er starrt das Foto an. Die Augen der Person werden von einem schwarzen Balken verdeckt. Kein Zweifel. Es ist eindeutig die junge Frau. Doch sie sieht jünger und gepflegter aus, als vor zwei Tagen am zentralen Omnibusbahnhof. Und sie schaut ihn freundlich lächelnd an. Doch die Schlagzeile darunter verschlägt ihm die Sprache und macht ihn schlagartig betroffen. Vorbei ist die Vorfreude auf einen schönen Sommertag mit netten Mädels. Tragischer Suizid legt Schienenverkehr lahm, steht dort schwarz auf weiß geschrieben. Darunter werden in einem kurzen Artikel die Zusammenfassung des tragischen Falls und seine Folgen geschildert. Simon überfliegt den Artikel, dann starrt er erneut auf das Foto der jungen Frau. Kein Zweifel. Es ist die junge Frau, die ihn zwei Tage zuvor angesprochen und mit ihren Problemen belästigt hatte und von der er so schnell wie möglich wieder wegkommen wollte.
Sein Appetit ist ihm mit einem Schlag vergangen. Lustlos legt er das halbe Toastbrot aus der Hand. Dann liest er den Artikel erneut. Und zwar diesmal genau. Er will wissen, was mit der Frau passiert ist. Die junge Frau, Tanja F. (26), war seit mehreren Tagen vermisst worden und hatte sich laut Morgenanzeiger in der Nacht zum Mittwoch von einer Brücke vor einen fahrenden Zug gestürzt. Die Strecke mußte daraufhin für mehrere Stunden gesperrt werden. Die Polizei schließt Fremdeinwirkung zum jetzigen Zeitpunkt aus und vermutet Liebeskummer als Ursache für den Suizid.
Simon starrt erneut auf das Foto. Er kann nicht glauben, was er da lesen muß. Es ist ein Passfoto, das die Presse dem Artikel beigefügt hat. Es muß etwas älter sein, denn die junge Frau wirkt jünger. Überhaupt wirkt sie gar nicht wie eine angehende Selbstmörderin. Nein, sie wirkt so normal. Nett, freundlich, gepflegt, nicht unbedingt sonderlich hübsch, dafür beinahe lebenslustig. Eine ganz normale junge Frau eben. Und jetzt? Jetzt ist sie tot.
Ein Schauer erfasst Simon. Ein schlechtes Gewissen macht sich zunehmend in ihm breit. Nicht nur, weil er überhaupt vielleicht einer der letzten war, dem sich die junge Frau in ihrer offensichtlichen Verzweiflung anvertraut hatte. Auch, weil er sie einfach nicht ernst genommen hatte. Im Gegenteil, er fand sie abstoßend und nervig. Und am nächsten Tag hatte er die Geschichte der Begegnung als gute Story unter seinen Freunden verkauft. Er hatte das tragische Schicksal der jungen Frau nicht nur ignoriert, sondern auch als Unterhaltungsmedium zum Zeitvertreib zwischen zwei Vorlesungen missbraucht. Und gemeinsam hatten sie sich dann über all diese durchgeknallten Freaks, die Verzweifelten und psychisch Labilen lustig gemacht. Wer konnte aber schon ahnen, dass es so schlimm um die Frau stand.
Simon fühlt sich mies und schuldig. Schuldig, weil er nichts Ernsthaftes unternommen hatte, die Verzweiflung nicht erkannt oder ernst genommen hatte, und mies, weil sie sich anschließend auch noch über das Leid anderer lustig gemacht hatten.
Er trinkt seinen Kaffe aus und beschließt zur Polizei zu gehen, um dort von seiner im Nachhinein nun unheimlichen Begegnung zu berichten. Es hat wohl keinen großartigen Sinn. Das ist ihm klar. Aber es scheint ihm doch das Geringste und Mindeste, was er nun für die junge Frau noch tun kann. Vielleicht ist es ja auch irgendwie möglich, den Angehörigen sein aufrichtiges Beileid und tief empfundenes Mitgefühl auszusprechen, oder dem Typ, der die junge Frau verlassen wollte, zu sagen, was er für ein Scheißkerl ist. Egal, was: Irgendetwas will und muß er tun.
Da kommt Markus aus der Dusche und will aufdringlich wissen, was Simon von der angesprochenen Karikatur auf Seite drei hält.
„Lass mich mit deiner scheiß Karikatur in Frieden. Es gibt wichtigeres im Leben.“
Und auch die Uni, seine Kumpels, Catrin und Helen können warten.
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