Sonntag, 11. Juni 2006
Harte Währung Deutsch-Mark
Wie oft hat man das schon gehört: Leute renovieren oder misten ihre Wohnung aus. Ebenfalls mögliche Anläße sind das Auflösen eines Hausstandes nach Todesfall oder ganz banal ein Umzug. Und irgendwo ganz versteckt, längst vergessen findet man nun zufällig Geld. Und zwar nicht irgendwelches. Nein, die Jahrzehntelang heiß geliebete Deutsche Mark taucht plötzlich hinter einem Schrank, unterm Bett oder sonstwo überaschenderweise wieder auf.
So etwas kennt man vom Hörensagen, oder ließt es im Falle eines außergewöhnlich hohen Fundes im Lokalteil der Tageszeitung. Und irgendwie kommt man nicht umhin, diese Geldfinder zu belächeln. Wer ist bitteschön so verschroben und versteckt sein Geld, daß er es erst Jahre später wieder findet?!?
Daß man selbst einmal fündig werden könnte, hält man schlichtweg für ausgeschlöossen. Man lebt ja schließlich in im wörtlichsten Sinne geordneten Verhältnissen.
Nun muß ich bekennen: Seit letzer Woche gehöre ich auch zu diesen verschrobenen Geldfinderleuten. Bei Renovierungsarbeiten in den eigenen vier Wänden, tauchte ein lange nicht mehr gesichteter, aber auch wenig vermisster Brustbeutel auf. Inhalt: Über 70 Deutsche Mark.
Gut, ich werde fortab nie mehr über diese Geldfinderleute lachen. Denn, wer im Glashaus sitzt... Nun bleibt aber herauszufinden, wo man die gute alte Währung gegen teuerungswütiges europäisches Geld eintauschen kann. Freunde meinten. Nur direkt bei der Bundeszentralbank. Andere wiederum vermuten, daß auch die Landeszentralbank noch zurücknimmt. Wir werden sehen. Genaueres in nicht absehbarer Zeit hier.

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Donnerstag, 8. Juni 2006
Fifa Worldcup Germany 2006
- oder: Bestandsaufnahme diverser Perversitäten


Zunächst: Wer hier angesichts der Überschrift auf eine euphorische Jubelorgie zum in Kürze stattfindenden Megaevent oder auf eine Abhandlung über sportliche Belange und Erwartungen an DAS Sportereignis dieses Jahres zu hoffen wagt, dem sei aus Schutz vor einer möglicher Enttäuschung geraten, besser nicht weiterzulesen. Wem die Lust jedoch nicht vergangen ist, der sei herzlich eingeladen nun an meinen paar bescheidenen Gedankenfetzen zur aktuell omnipräsenten Fußball-WM teilzuhaben. Aber Achtung: Manchem scheint das Vorliegende möglicherweise wie die berühmte Suche nach dem Haar in der Suppe vorkommen. Das soll es natürlich nicht sein. Eine etwas kritischere Gesamtsicht sei jedoch gestattet und hiermit versucht.


In letzter Zeit schon mal im Supermarkt gewesen? Oder fern gesehen? Mal mit halbwegs geöffneten Augen durch die Stadt geschlendert? Was stand heute Morgen in der Zeitung? Irgendetwas aufgefallen? Genau. Sie kommt. Unaufhaltsam rückt sie näher, die WM, oder wie es korrekt heißt: der FIFA Worldcup Germany 2006. WM-Hysterie aller Orten. Ob Frühstücksfernsehen, Harald-Schmidt-Show oder Tageszeitung: Nur noch ein Thema. Ausgeschlachtet bis aufs Äußerste. Und jeder ist dabei, begeistert, interessiert zumindest. Klar, eine WM kommt nicht jeden Tag über den Weg gelaufen, noch dazu im eigenen Land! Für jeden Fußballfan das Größte! Und für die weniger begeisterten irgendwie auch.

Man kommt ja aber auch schlecht dran vorbei. Denn wo man hinschaut: überall ist WM drin, oder steht zumindest WM drauf. Ob es 11% Fanbonus beim Waschmittel sind, DAS Fanbier schlechthin, DIE WM-Party, DIE WM-Show oder irgendwelche von Firma XY präsentierten Gewinnspiele (Hauptpreis ganz klar natürlich ein paar heiß begehrte Eintrittskarten, Verzeihung WM-Tickets). Pro7 als Sender ohne WM-Übertragungsrechte macht sogar Werbung für ein Kontrastprogramm zur WM für ausgesprochene WM-Hasser garantiert ohne Fußball und bedient sich dabei eben der WM, um den kaum zu existierenden Rest an quotenbringenden Zuschauern abzuschöpfen. Für jeden ist etwas dabei, beim ultimativen WM-Hype. Preisnachlaß und Mehrinhalt für die Sparfüchse, Sammelkarten für die Sammler, Devotionalien für die Dekorationsweltmeister, Handygames für die Jugend und (na ja, immerhin) Spielwiederholungen vergangener Wettbewerbe für die Nostalgiker. So ist das eben. Eine WM im vollkommerzialisierten Zeitalter. Und mal ehrlich: Anders wäre das ja heutzutage gar nicht zu machen. Wir wollen doch schließlich alle Spitzensport sehen. Somit springt jeder so gut oder schlecht er eben kann auf den WM-Zug auf. Und der Zug ist ein wahrer ICE. Inzwischen rappelvoll. Nur die Politiker dürfen nicht – Sähe zu sehr nach Vorteilsnahme aus. Pech gehabt. Also doch Indieröhreglotzen statt Stadionfeeling. Immerhin aber näher am Volk.
Von den offiziellen Sponsoren ganz zu schweigen! Völlig überzeugend kommen die Volksgesundheit ruinierenden Dickmacher Coca-Cola und McDonalds als Werbegiganten für eine Sportveranstaltung herüber. Verständlich, dass auch nur noch eine einzige Automarke rund um die Stadion zu sehen sein darf – die des japanischen WM-Sponsors Hyndai. Das bestimmt die FIFA, und die spielt nämlich gerade Staat im Staat und darf das somit. Laut Verträgen. Dazu gibt es dann gleich auch noch die passende Sprache: Als Stichworte seien nur Marketing, Public Viewing und Volunteers genannt.

Auch wenn dies teilweise nur murrend hingenommen wird. Immerhin werden einige der Kuriositäten zumindest beleuchtet und ins rechte Licht gerückt: Kein deutsches Bier in deutschen Stadien, sondern nur so eine amerikanische Plörre? Skandal! Werbefrei Zone um die Stadien (abgesehen natürlich von den Hauptsponsoren). Ebenso: Eine Bannmeile. Dazu eine ungeheure Datensammelwut und der dazu passende befürchtete Datenausverkauf. Undundund. Aber: Naja, man muß eben mit Kompromissen leben lernen. Man kann nicht alles haben.

Noch eins: Man könnte den Medien zufolge glauben, Deutschland stehe kurz vor einer unglaublichen Katastrophe. Wer uns in den nächsten Wochen alles heimsuchen wird! Terroristen und Spinner aller Art planen den medienwirksamen Massenmord an Unschuldigen (Remeber München 1972), und dann sind da noch die Horden von Hooligans. In erster Linie aus dem rüpelhaften Großbritanien und aus Deutschland. Aber auch der EU-Neuling Polen soll mehrere zehntausend Chaoten mobilisieren! Fragt man sich: Wo sollen die denn alle herkommen? Und wo morden die sonst alle so im Verborgenen vor sich hin, dass man, bis vor kurzem die WM-eigene Sicherheitshysterie einsetzte davon gar nichts mitbekam? Dazu kommen dann noch die hauseigenen braunen Schläger aus dem Osten, die extra vor dem internationalen Megaereignis gewisse Gebiete zu No-Go-Areas für Schwarze erklären (als ob dieses Problem neue wäre!), streikende Ärzte (Wacht auf, die medizinische Versorgung ist nicht mehr gewährleistet!) und protestierende faule Studenten, die Uneinsichtigerweise gerade jetzt ihr Recht auf Bildung verteidigen wollen. Da gibt es einiges zu tun für die Mächtigen und deren Vertreter im Vollzug. Gleichzeitig muß aber der Spagat zwischen totalem Sicherheitswahn und dem WM-Motto („die Welt zu Gast bei Freunden“) unbedingt gelingen! Kein beneidenswertes Unterfangen. Immerhin gibt es Luftraumüberwachung zur Ortung problematischer Flugkörper (zu dumm, dass nicht aktiv eingegriffen, sprich abgeschossen werden darf solange dadurch Unschuldige bedroht sein könnten) und andere kostspielige Notwendigkeiten.

Überall laufen einem die Protagonisten über den Weg: Ob Berufsoptimist und Dauergrinser Bundesklinsi, ob Traumpaar Schweini/Poldi oder sympathischer „Bundesaußenminister“ mit Spezialresort Gute Laune Beckenbauer, weltweit auch der Einfachheit halber einfach „Kaiser“ bekannt. Wo man hinschaut nur noch Fußball. Gestern war sogar die Bundeskanzlerin persönlich bei der Nationalmannschaft. Um den Jungs Mut zuzusprechen und die nationale und internationale Bedeutung der Mission zu unterstreichen. Der Unterstützung durch die Massen dürfen sich die Bundesdeutschen Kicker jedoch sicher sein. Das zeigten mehr als 40.000 Zuschauer beim offiziellen Training in Düsseldorf letzte Woche eindrücklich. Die Palette fußballthematischer Veranstaltungen reicht von Klassikkonzerten über Ausstellungen bis zur Deutschlandtour des WM-Pokals. Obs den Fußball verbessert?

Dazu kommt ein in Deutschland fast befremdlich wirkender aber nun plötzlich (wieder)aufflackernder Nationalstolz oder Patriotismus. Aber kein Grund zur Beunruhigung. Nein, diesmal sind es nicht die braunen Horden. Diesmal ist es Fußball im eigenen Land und da darf man die eigenen Farben schon mal stolz repräsentieren. Geht auch völlig in Ordnung so. Mal sehen, wie sich unser unterschwellig oft durch ein schlechtes Gewissen gebremster Patriotismus gegen den Stolz anderer Nationen im internationalen Vergleich so macht. Uns wird ja oft ein (für mich verständliches) gestörtes Verhältnis zum Nationalstolz nachgesagt. Schade, dass viele nun plötzlich so stolze Deutsche leider nur so wenig über dieses Land zu wissen scheinen. Naja, Pisa lässt grüßen. Aber das ist ein anderes Thema. Egal, es ist Fußball-WM!

Überhaupt: Wer sich dieser Tage alles als Fußballfan outet! Peinlich nur, wenn man trotz aller (kurzfristigen) Begeisterung so gar keine Ahnung hat. Abseits? Bananenflanke? Nun ja, jedem das Seine.
Klar es ist gerade megain. Kann man schon verstehen. Dazu passt schon allein das zugegene hingebungsvoll euphorische Publikum. Alle absolut begeistert und voll bei der Sache. Dazu musste man sich natürlich erst mal einen kompletten Fanshop leerkaufen und umhängen. Kleider machen ja schließlich Leute. Soll ja jeder sehen. Fragt sich nur was man da so sieht. Erwachsene Menschen in Fußballkugelkostümen, geschminkte Gesichter und heiliger Rasen als Kopfbedeckung sind noch das Harmloseste. Gut, Karneval der Völker lasse ich da mal als Argument durchgehen. Schade irgendwie nur, dass der geneigte Fußballfan häufig glaubt, sobald eine Kamera in der Nähe ist, müsse er sich benehmen, als fehlten ihm die entscheidenden drei Gramm Hirn, die den Homo Sapiens sonst von anderen Kreaturen unterscheiden. Als typische Erscheinungsformen seien genannt: Wildes Herumgröhlen simpelsten Liedguts mit Melodien im überschaubaren Bereich (Für den Fachmann aber zu unterscheiden von einheitlichem Fangesang in den Stadien. Achtung: Hier outet sich der Ab-und-An-Stadiongeher, oder gar: der Fernsehprolet!), möglichst bescheuerte Gesten (eventuelle Möglichkeiten: Herumhüpfen, ausgeprägtes Winken, die Beckerfaust in Kombination mit scheinbar schmerzverzerrtem Gesicht, …) und natürlich lautes Kreischen und Hallo-Rufen.
Bestes Beispiel: Sonntag, Brasilien-Neuseeland in Genf, live auf Sat.1 oder RTL. Weiß niocht mehr genau. Egal, jedenfalls auf so einem Nicht-WM-Sender. Kaum schwenkt die Kamera über die Zuschauerreihen hinweg, springen alle empor, vergessen ihr Popkorn und ihre Cola und üben sich im Grimassenschneiden, fluglotsenhaftem Winken und hysterischem Kreischen. Da fragt man sich ernsthaft: Wissen das deren Freunde und Bekannte, das die so sind? Und deren Eltern? WM 2006: Die Fans vor dem Fernseher, das Eventpublikum auf den Sitzplätzen im Stadion. Aber so ist es eben, das neue, pflegeleichte Fußballpublikum, das sonst wählen muß zwischen allerlei vielfältigen Freizeitverbringungsmöglichkeiten (Kino, Freizeitpark, Musical,…). Kurz: Das von wirklichen Fans (im Fernsehjargon Hardcorefans) so genannte Operettenpublikum. Anders ausgedrückt: Willige Kunden. Mal sehen, was die sich nach dem WM-Hype für ein Betätigungsgfeld suchen werden. Vielleicht kommt ja Robbie Williams mal wieder nach Deutschland. Wer sind jetzt also hier die Verrückten?
Immerhin gab es die Tage als Gegenentwurf eine etwas andere Fußballweltmeisterschaft auf St. Pauli.

Der Vollständigkeit halber sei erwähnt: Ja, ich betrete regelmäßig Fußballstadien, kenne aber kaum Menschen, die dies über längere Zeit ernsthaft tun, die sich derart bescheuert aufführen. Und ach: Nein, ich bin nicht nur gefrustet, da ich keine Tickets erhalten habe. Ich habe auf Tickets für diese vierwöchige Werbeveranstaltung mit gelegentlicher Fußballunterbrechung gerne verzichtet und mich nicht dafür beworben.

Zurück zum Spiel - Gebt den Verrückten ihren Vorgarten zurück!

Abschließend einige WM-Hoffnungen:
Es wird hoffentlich ein Fest der Völker und der Fußball bekommt trotz allem die Möglichkeit seine magische verbindende Kraft zu entfalten. Dank gebührt an dieser Stelle schon mal allen Freiwilligen Helfern und Gastgebern abseits der offiziellen Schiene, welche den Versuch unternehmen, ein wirklich positives vielleicht etwas kleinkarierteres Bild Deutschlands zu vermitteln. Schön, wäre es auch, einen würdigen Weltmeister zu erleben: Neben schönem Fußball sollte vor allem das Land und seine Menschen es verdienen. Ob wir verwöhnten Deutschen uns dafür eignen?
Und ganz persönlich: Ein Ende oder Rückgang des totalen Fußballhypes nach der WM wäre wünschenswert.

Der Ball ist rund. Und: Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

In diesem Sinne. Sport frei!

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Freitag, 12. Mai 2006
Gottesverstaendnis
"Ach, Gott ist so groß, der erträgt alles. Sogar die Religionen."


Henry Gründler (RTL-Moderator) zur Diskussion um die umstrittene MTV-Sendung "Popetown"

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Phil: Pennsylvania/ States
Wie bereits erwähnt, hatte mich, was das Studium im Allgemeinen betrifft bereits eine gewisse Vorfreude gepackt. Hinzufügen muß ich, dass dies auch meinen neuen Wohnsitz miteinschließt. Dies allerdings nicht wegen einer unbeschreiblich tollen Wohnlage (Bei einem 15-stöckigen Hochhaus wohl kaum möglich. Allerdings muß ich wenigstens für die unglaubliche Aussicht aus dem Fenster eine Lanze brechen.), sondern in der Neugierde wurzelnd, was meine neuen Mitbewohner betrifft. Acht Stück sollten wir sein, die sich einen langgezogenen Flur, mehrere Bäder, eine Küche, zwei Kühlschränke und einen Balkon teilen.
Jedoch scheinen meine neuen Lebensgefährten recht scheue Zeitgenossen zu sein. Jedenfalls bekomme ich zunächst kaum jemand zu sehen.

Dann endlich treffe ich zufällig auf dem Gang Phil.
Wir waren uns bereits zwei Wochen zuvor kurz über den Weg gelaufen. Damals allerdings im Fahrstuhl. Heute haben wir Zeit, ein wenig Smalltalk zu betreiben. Auf die Frage, wo er denn herkomme antwortet er typisch amerikanisch, also schnörkellos kurz, einen gewissen arroganten Unterton unschwer erkennen lassend: „Pennsylvania /States.“ - Als gebe es keinen zweiten Platz auf der Welt, der sich Heimat zu schimpfen lohnen würde.
Das weitere Gespräch dreht sich weiter um die Dauer seines Deutschlandaufenthalts (nun schon das zweite Jahr), seine bisherigen Erfahrungen („I love german Beer and Biergarten!“), etc. Dabei scheint er sich aber für die Verschleierung, dass ihn irgendetwas bedrückt keine besondere Mühe geben zu wollen. Immer wieder unterbricht er sich durch seufzende Schnaufer. Irgendwann tue ich ihm schließlich den Gefallen und Frage nach, ob auch wirklich alles in Ordnung ist. Als hätte er darauf gewartet, gesteht er mir erleichtert, dass er gerade eine harte Zeit durchmache. Er habe vor einer Woche beschlossen, nun endlich zur Drogenberatung zu gehen.

BANG!

Genau das ist es doch, was man sich von einem Menschen zu hören erhofft, den man gerade drei Minuten kennt und mit dem man die nächsten Monate unter einem Dach leben wird! Ich weiß zunächst nicht so recht, wie ich auf die plötzliche Offenbarung reagieren soll. Es erscheint mir am angebrachtesten, ihm einfach weiter zuzuhören. Dabei überlege ich fieberhaft, wie ich jetzt aus dieser mir unangenehm werdenden Situation auf möglichst elegante und wenig verletzende Weise wieder aussteigen könnte. Obwohl mich dringend interessiert, welcher Art genau seine Probleme sind, verkneife ich mir meine Neugierde. Es erscheint mir einfach zu wenig taktvoll. Da höre ich ihn sagen, ihm stehe wohl ein sehr harter Weg bevor. Ich wage nicht zu widersprechen.

Die nächstbeste Möglichkeit packe ich beim Schopfe, um mich unter dem hoffentlich plausibel erscheinenden Vorwand - ich müsse zu einer Sprechstunde bei meinem Dozenten, und mich zuvor noch etwas vorbereiten - aus dem Staub zu machen.

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Donnerstag, 11. Mai 2006
Programm
Hier sollen in Zukunft allerlei Wutausbrüche die heutige Gesellschaftsform und all ihre wundersamen Auswüchse betreffend Platz finden.

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Die Einstuendige
Bei diesem Titel hätte man es sich eigentlich denken können. Aber irgendwie war ich, geblendet durch monatelange Abwesenheit nicht mehr auf die Tücken des Bundesdeutschen Hochschulsystems gefasst gewesen. Kurz und knackig wird das Thema schon durch den Titel „Popliteratur“ auf den Punkt gebracht. Die Auflistung der im Rahmen der Reihe zu behandelnden Autoren, tat ihr Übriges: Benjamin von Stuckrad-Barre, Nick Hornby, Bret Easton Ellis, Alexa Hennig von Lange, Silvia Szymanski, Elke Naters, Joachim Lottmann… Leicht war es also gewesen, mein Interesse zu wecken. Daß dies bei anderen gleichermaßen leicht geschehen könnte, kam mir aber irgendwie nicht in den Sinn. So staunte ich denn also nicht schlecht, als ich rechtzeitig zur angekündigten Stunde den Hörsaal 037 betreten wollte und mich zu diesem Zwecke erst mal durch die von aufgeregt tratschenden Kommilitoninnen blockierte Tür quetschen musste, um dann feststellen zu dürfen, dass bereits jetzt ein Großteil der Plätze belegt war. Ich machte mich daran, einen der verbleibenden Plätze zu ergattern. Viele der freien Plätze waren jedoch schon besetzt – wohl dem, der einen Platzhalter engagiert hat! Willkommen zurück im deutschen Unisystem! Schließlich wurde ich nach einigem Suchen und Nachfragen in der letzten Reihe doch noch fündig.
Gespannt auf die folgenden Darlegungen beobachte ich nun das bunte, lebhafte Treiben der überwiegend weiblichen Studierenden. Nach einigen technischen Problemen und anschließenden Ausführungen zu Verwaltungsfragen (Möglichkeiten für die Erwerbung eines Scheins; Herumreichen eines Spendenkässchens für Kopien begründet in chronisch angespannter Finanzlage des Instituts; Information über die Anlegung eines Seminarordners in der Bibliothek) kann es dann endlich losgehen. Thema heute: Bewusst unvollständige Klärung des Begriffs Popliteratur und exemplarisch: Die unterschiedliche Positionen Joachim Lottmanns („Deutsche Einheit. Ein historischer Roman aus dem Jahr 1995“) und Peter Handkes („Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien“) zu den Aufgaben und Möglichkeiten eben derselbigen. Ich folge interessiert den Ausführungen des Dozenten, kann mich aber des Eindrucks nicht erwehren, viele der Anwesenden nutzen die Zeit lieber für ein Pläuschchen mit dem Nachbarn oder zum neokommunikativen Flirten via sms. Ob die Cafeteria dafür nicht einen angenehmeren Rahmen abgeben würde? Die Übrigen versuchen angestrengt den Ausführungen Folge zu leisten, was angesichts der stickig-warmen Luft nicht nur mir immer schwerer zu fallen scheint. Nach einer guten Dreiviertelstunde ist der ganze Spass vorbei und die Meute kann sich endlich schnatternd Richtung heiß ersehnter Zigarette nach Draußen schieben.
Fazit: Inhalt vielversprechend – Rahmenbedingungen gewöhnungsbedürftig.

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Blindschiss
Ich stand unter Druck. Unter doppeltem Druck sogar. Zum einen war die Zeit knapp, mein Literatur Hauptseminar wartete. Zum anderen verspürte ich natürlichste menschliche Bedürfnisse dringendster Art. Als ich von Hektik getrieben gedanklich bereits im Seminarraum weilend den weiß gekachelten fensterlosen Raum betrat, stand ich jedoch plötzlich im Dunkeln. Die Tür hatte ich bereits hinter mir geschlossen und den Lichtschalter betätigt. Beides, ohne es bewusst zu wahrzunehmen. Es war quasi ein flüssiger Ablauf. Doch dann stockte ich. Etwas fehlte. Unschwer war zu realisieren, was: Licht.
Es war stockdunkel. Ich konnte nicht einmal die vielzitierte Hand vor den Augen erkennen. Lediglich der kleine Lichtspalt unter der Tür ermöglichte Orientierung. Im Dunkeln tatstete ich nach dem Schalter. Ich betätigte ihn erneut. Dann wartete ich gespannt darauf, dass sich etwas tat und der Raum sich erleuchtete. Vergebens. Drei weitere Versuche erzielten das selbe Ergebnis. Verdammt! Ich öffnete die Tür und trat in den Flur. So ein Mist! Was konnte die Ursache für die nicht funktionierende Lichtquelle sein? Eine kaputte Neonröhre? Die Sicherung? In meinem Zimmer war Strom vorhanden, was das immer noch dudelnde Radio bestätigte. Also wo war der Sicherungskasten? Ich musste mir eingestehen, dass ich als Neuling in dieser WG leider noch keine Ahnung hatte. Das drängende Gefühl in der Unterleibsgegend nötigte mich unterdessen weiter. Ein Blick auf die Uhr bestätigte den akuten Zeitmangel. Für das Kontaktieren des Hausmeisters blieb also keine Zeit mehr. Ich grübelte nach und fand auch gleich eine Lösung – wenn auch eine recht unorthodoxe. Kurz zögerte ich. Ach, was solls. Ungewöhnliche Situationen erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Und schon verschwand ich mit Feuerzeug und Kerze bewaffnet in der Toilette, um mich meiner dringenden Bedürfnisse hinzugeben.

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Sonntag, 7. Mai 2006
Rückkehr zu Altem und Neuem
Es kommt mir vor, wie eine Ewigkeit. Lange war ich nicht mehr da gewesen. Wenn man sechs Monate als lang bezeichnen will. Gemessen am zwischenzeitlich Erlebten, wäre es jedoch für manchen im Alltagstrott der zivilisiert-starren Wohlstandsgesellschaft festklebenden Bundesbürger eine halbe Ewigkeit. Damals war ich vor dem ganzen Trott geflüchtet. Vor der Institution, der Gesellschaft, vor meinem Leben, vor Deutschland. Und ich bereue keine Minute. Das unvorstellbare, stets weit in der ferne liegende Ende kam allerdings schnell. Schneller, als wirklich realisierbar. Doch ein Ende war von je her gleichbedeutend einem Anfang. So beginnt auch hier wieder etwas Neues, wenngleich auch nicht gänzlich Neues.
Da ich nun beladen mit tonnenweisen Eindrücken zurückkehre erfasst mich unverhofft ein anregendes Gefühl – Vorfreude begleitet meine Vorbereitungen für den nächsten Lebensabschnitt. Während ich meine Umzugskisten packe umgibt mich ein wohliges Gefühl der Freude auf Altbekanntes (wenn auch nicht wirklich schmerzlich Vermisstes) und paart sich mit dem prickelnden Zustand der Ungewissheit. Ich habe tausend Pläne und Ideen, was ich ändern will, was ich fortführen möchte, wie es sein wird und wen ich ersehne nach langer Zeit wieder zu treffen.

Als ich aus dem Bus steige, betrachte ich die Szenerie. Der klassizistische Bau der Neuen Aula thront majestätisch über dem Platz. Die Stufen unter den großen schweren Flügeltüren werden von lebhaften jungen Menschen bevölkert. Die beiden kleinen runden Springbrunnen plätschern lustig vor sich hin. Die Fahrradständer unter den mächtigen Fenstern sind überfüllt. Ein Radfahrer prescht an mir vorbei. Ich schaue ihm nach wie er auf dem rot unterlegten Radweg Richtung Innenstadt verschwindet. In einem Anflug anarchischer Gewohnheit überquere ich bei Rot die Strasse und gehe weiter. Vor der Mensa werden Flyer verteilt. Auf den Stufen und Bänken plaudert das junge Volk voller Elan. Teils ausgeprägte Gestikulation lassen angeregte Diskussionen erahnen. Bei anderen überwiegt simple Wiedersehensfreude, welche ein Großes Hallo hervorruft. Ich mische mich unter das Volk. Vor dem Eingang der Cafeteria werden allerlei optisch mehr oder weniger ansprechende Poster und Kunstdrucke zum studentischen Vorteilspreis angeboten. Ich genieße das kurzzeitige Privileg des (fast) außenstehenden Betrachters, beobachte das lebhafte Treiben und fühle mich durch diesen anderen Blickwinkel amüsiert und gut unterhalten. Gleichzeitig halte ich Ausschau nach mir bekannten Gesichtern. Auf dem Rasen vor der Unibibliothek räkeln sich die ersten Sonnenschwärmer. Die Bäume sind noch etwas kahl - aber das wird schon, denke ich mir. Später kommt mir selbst die sonst so trocken wirkende und wenig Charme versprühende Institutsbibliothek vor wie das (wissensbestückte, die Geheimnissen des Lebens bergende) Paradies auf Erden. Was ist da nur los?

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Rückkehr zu Altem und Neuem
Es kommt mir vor, wie eine Ewigkeit. Lange war ich nicht mehr da gewesen. Wenn man sechs Monate als lang bezeichnen will. Gemessen am zwischenzeitlich Erlebten, wäre es jedoch für manchen im Alltagstrott der zivilisiert-starren Wohlstandsgesellschaft festklebenden Bundesbürger eine halbe Ewigkeit. Damals war ich vor dem ganzen Trott geflüchtet. Vor der Institution, der Gesellschaft, vor meinem Leben, vor Deutschland. Und ich bereue keine Minute. Das unvorstellbare, stets weit in der ferne liegende Ende kam allerdings schnell. Schneller, als wirklich realisierbar. Doch ein Ende war von je her gleichbedeutend einem Anfang. So beginnt auch hier wieder etwas Neues, wenngleich auch nicht gänzlich Neues.
Da ich nun beladen mit tonnenweisen Eindrücken zurückkehre erfasst mich unverhofft ein anregendes Gefühl – Vorfreude begleitet meine Vorbereitungen für den nächsten Lebensabschnitt. Während ich meine Umzugskisten packe umgibt mich ein wohliges Gefühl der Freude auf Altbekanntes (wenn auch nicht wirklich schmerzlich Vermisstes) und paart sich mit dem prickelnden Zustand der Ungewissheit. Ich habe tausend Pläne und Ideen, was ich ändern will, was ich fortführen möchte, wie es sein wird und wen ich ersehne nach langer Zeit wieder zu treffen.

Als ich aus dem Bus steige, betrachte ich die Szenerie. Der klassizistische Bau der Neuen Aula thront majestätisch über dem Platz. Die Stufen unter den großen schweren Flügeltüren werden von lebhaften jungen Menschen bevölkert. Die beiden kleinen runden Springbrunnen plätschern lustig vor sich hin. Die Fahrradständer unter den mächtigen Fenstern sind überfüllt. Ein Radfahrer prescht an mir vorbei. Ich schaue ihm nach wie er auf dem rot unterlegten Radweg Richtung Innenstadt verschwindet. In einem Anflug anarchischer Gewohnheit überquere ich bei Rot die Strasse und gehe weiter. Vor der Mensa werden Flyer verteilt. Auf den Stufen und Bänken plaudert das junge Volk voller Elan. Teils ausgeprägte Gestikulation lassen angeregte Diskussionen erahnen. Bei anderen überwiegt simple Wiedersehensfreude, welche ein Großes Hallo hervorruft. Ich mische mich unter das Volk. Vor dem Eingang der Cafeteria werden allerlei optisch mehr oder weniger ansprechende Poster und Kunstdrucke zum studentischen Vorteilspreis angeboten. Ich genieße das kurzzeitige Privileg des (fast) außenstehenden Betrachters, beobachte das lebhafte Treiben und fühle mich durch diesen anderen Blickwinkel amüsiert und gut unterhalten. Gleichzeitig halte ich Ausschau nach mir bekannten Gesichtern. Auf dem Rasen vor der Unibibliothek räkeln sich die ersten Sonnenschwärmer. Die Bäume sind noch etwas kahl - aber das wird schon, denke ich mir. Später kommt mir selbst die sonst so trocken wirkende und wenig Charme versprühende Institutsbibliothek vor wie das (wissensbestückte, die Geheimnissen des Lebens bergende) Paradies auf Erden. Was ist da nur los?

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Sonntag, 30. April 2006
Beruf
Glücklich der, welcher seinen Beruf erkannt hat;
er verlange nach keinem anderen Glück.
Er hat seine Arbeit und Lebensaufgabe und wird ihnen obliegen.

Thomas Carlyle

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Genuß
"...Genuß ist ein leidender Zustand, in welchem niemand sich genügt, der sich zum Tätigen, zum Selber-Ausüben geboren fühlt."

aus Thomas Mann: Bekenntnisse des Hochstablers Felix Krull

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Montag, 10. April 2006
Buslinie Dreizehn
Die Luft wirkt frisch und doch ein wenig drückend. Der kürzlich niedergegangene Regenschauer brachte endlich Abkühlung und reinigte die Luft vom Staub der ersten heißen Frühsommertage. Die drückende Hitze ist nun einer angenehm frischen, von würzigem Duft geschwängerten Brise gewichen. In den Pfützen auf dem Asphalt spiegelt sich der von den aufreißenden Wolken immer weiter freigegebene kräftig blaue Himmel. In der Ferne sind noch wuchtig aufgetürmt die letzten Ausläufer der dunklen Schauerwolken zu erkennen. Letzte Zeugen des reinigenden Schauers.
Auf dem belebten Bahnhofsvorplatz wuseln wie immer um diese Tageszeit, einem aufgescheuchten Ameisenhaufen gleich, geschäftige Menschenmengen umher. Die einen streben zielgerichtet dem Bahnhof zu, andere werden aus den großen Flügeltüren der Bahnhofshalle tröpfchenweiße, wie Bienen aus dem Bienenstock ausgespuckt. Stadtbusse schlängeln sich raupengleich durch das System aus Haltestellen und Laternenmasten. Dazwischen quetschen sich hektisch gelbe Taxis hindurch. Überall drängen Menschen in wartende Busse oder versammeln sich in Trauben zu fünf bis fünfundzwanzig Personen unter den Dächern der Haltestellen.
Simon sitzt leicht nach vorne gebeugt, die Ellenbogen auf den Schoß gestützt unter dem gläsernen Dach. Das Werbeplakat eines lokalen privaten Radiosenders auf der ihm zugewendeten Rückwand der benachbarten Haltestelle beschäftigt ihn für einige Augenblicke. Bis er zu dem Entschluß kommt, dass der reißerische, aber originelle Slogan eindeutig die Qualität der angepriesenen Frühstückssendung übersteigt. Er blickt auf die Uhr. Noch immer acht Minuten. Wenn der Dreizehner keine Verspätung hat, was um diese Zeit leicht vorkommen kann.
In der Pfütze direkt vor ihm spiegelt sich ein hübsches junges Mädchen. Ihre Silhouette hebt sich deutlich vom blauweißen Himmel ab. Gespannt, ob das Original zu halten im Stande ist, was das Spiegelbild verspricht, wendet er sich dem Mädchen zu. Langsam mustert er sie von oben bis unten. Dann fällt er sein fachmännisches, aber zugleich auch gnadenloses Urteil. Auch wenn er sich der Oberflächlichkeit einer solchen Bewertung im Allgemeinen und der Ungerechtigkeit der Methode im Besonderen nur allzu gut bewusst ist, nimmt er doch mit Genuß seine übliche Katalogisierung vor. Süßes Gesicht, wenn auch etwas übertrieben geschminkt, verheißungsvolles Dekollete - wahrscheinlich Wonderbra, aufregende Taille, leider etwas zu breiter Hintern. Gesamteindruck: ganz nett, leider etwas zu jung. Die nächste bitte.
Ein alter Mann mit Stock und prall gefüllter Einkaufstüte schlurft vorbei.
Simon muß an die beiden netten Mädels denken, die vor einigen Wochen seiner Referatsgruppe zugeteilt worden waren. Er fühlte sich von Anfang an zwischen den beiden hin und her gerissen. Er kann sich einfach nicht entscheiden, wem er mehr Aufmerksamkeit schenken soll. Der extrovertierten fröhlichen Catrin mit den blonden langen Locken, dem aufregenden Piercing im rechten Mundwinkel und den unglaublichsten grünen Augen, die er je gesehen hat. Mit ihr kann man einfach eine Menge Spaß haben. Auf der anderen Seite ist da Helen, zurückhaltend, fast schüchtern. Aber mit den dunklen Haaren, den tiefen treuen Rehaugen und dem schüchternen Lächeln etwas ganz besonderes. Sie wirkte auf ihn von Anfang an faszinierend, mysteriös und auf eine versteckte Art geheimnisvoll. Oft schon war es ihm schwer gefallen, während des Seminars seinen Blick von ihr wieder loszureißen. Sie war zweifellos nett, gleichzeitig aber auch seltsam rätselhaft. Er wurde bisher aus ihr noch nicht so recht schlau. Aber er mochte es schon immer, wenn Frauen etwas Besonderes, Reizvolles, manchmal sogar Geheimnisvolles hatten.
Welcher von beiden sollte er nun mehr Aufmerksamkeit schenken? Die Eroberung Catrins dürfte zweifellos leichter fallen. Doch an Helen reizte ihn von Beginn an die Aufgabe, eine Festung mit unbekannten Hindernissen erobern und somit einen größeren Sieg erringen zu können. Aber bisher hatte er sich noch nicht entschieden. Was hatte ihm Markus, sein Mitbewohner, geraten: Halte dir am besten möglichst lange alle Optionen offen. Genau das würde er tun.
Der Blick auf die Uhr verrät immer noch lästige vier Minuten Wartezeit. Wenn der Dreizehner pünktlich ist. Hoffentlich würde die aktuelle Verkehrslage keine allzu große Verzögerung verursachen.
Aus dem Augenwinkel bemerkt er eine junge Frau, die unsicher und schüchtern den freien Platz neben ihm auf der Bank einnimmt. Beim vorsichtigen Hinüberlinsen fallen ihm ein geblümtes Kleid, für seinen Geschmack viel zu kräftige Waden und dazu passend viel zu klobig und plump wirkende Turnschuhe auf. Schnell widmet er sich einer Gruppe Teenager, die johlend vorbeischlurft.
Plötzlich spricht ihn jemand an. Es ist die junge Frau. Im ersten Moment ist ihm nicht bewusst, dass er gemeint ist. Irritiert schaut er sie an. Aber doch, sie meint genau ihn.
„Tschuldigung. Kann ich dich mal was fragen?“
„Sicher“, gibt er etwas mürrisch zurück.
„Wenn ein Mann zu dir sagt: Irgendwie liebe ich dich schon noch. Was heißt das?“
Ihre Stimme klingt traurig, gebrochen vor emotionaler Erregung unsicher, fast weinerlich und ihre Worte klingen daher seltsam artikuliert. Die fransigen dunklen Haare hängen wirr ins Gesicht. Ihr Blick ist flehend erwartungsvoll und starr. Die glasigen geröteten Augen werden von dunklen Ringen umlagert, wirken tief und eingefallen.
Oje, was haben wir denn hier für ein hoffnungslos trostloses Häufchen Elend, denkt sich der Student. In einer aussichtslosen Situation klammert sie sich, schwach wie sie ist an den letzten kleinen Funken Hoffnung, anstatt sich das Ende einzugestehen und zu akzeptieren. Kein Wunder, dass der Typ kein Bock mehr auf diese Tante hat.
Kurz überlegt er, was er ihr sagen soll. Soll er ihr wirklich sagen, was er denkt? Aber ob sie es verkraftet, wenn man ihr knallhart sagt, dass der Typ sie entweder nur möglichst schonungsvoll loswerden will, oder nicht die Eier dazu hat, ihr ehrlich ins Gesicht zu sagen, dass er sie nicht mehr will. Nicht, dass die hier noch anfängt zu flennen.
Sollte er sich daher nicht eher ein wenig um die junge Frau kümmern, sie beruhigen, ihr zuhören. Hat das eigentlich nicht jeder Mensch verdient? Einen Mensch, der sich um dich kümmert, wenn es dir dreckig geht. Aber warum sollte ausgerechnet er hier und jetzt dieser Mensch sein? Nein, darauf hab ich jetzt mal gar keinen Bock. Ich bin doch hier kein Seelenklempner für gescheiterte Existenzen!
Er entscheidet sich also, ihr ungefähr das zu erzählen, was er glaubt, was sie gerne hören würde und damit für den bequemsten Weg. Einerseits, um sie etwas zu beruhigen, andererseits aber auch, was ihm fast wichtiger ist, um sie möglichst schnell wieder los zu werden. Er hat eben einfach null Bock auf so eine Scheiße! Was denkt die sich überhaupt? Was erwartet die denn? Was soll man denn in solch einer Situation sagen?
Er erzählt ihr also, dass sie und ihr Partner sich offensichtlich in einer schwierigen Phase befinden, aber dieser Umstand natürlich nicht zwangsläufig bedeuten muß, dass bereits alles zu spät ist. Vielleicht wäre etwas Abstand auf Zeit ja gar nicht so schlecht, rät er ihr. Die Situation wird ihm zunehmend unangenehmer.
Hoffentlich denkt keiner der Umstehenden, ich kenne die Tante!
Sein unbeholfenes Gelaber scheint seine Wirkung aber glücklicherweise nicht ganz zu verfehlen, denn die junge Frau wird schon etwas ruhiger. Offensichtlich scheint es schon zu genügen, dass überhaupt jemand mit ihr redet. Wie verzweifelt muß man sein, denkt sich Simon. Er fühlt sich bei der Sache wirklich unwohl.
Da naht endlich die Rettung in Form des Dreizehners. Bereits als er vorne um die Ecke biegt, verabschiedet sich Simon hastig mit einem kurzen: „Sorry, aber ich muß weg. Mein Bus… Alles Gute.“
Dann nichts wie weg.
Oh Mann, was für Freaks sind denn hier unterwegs, denkt er sich, als er bereits in den Bus steigt. Froh, nun endlich den letzten Teil seiner Heimreise antreten zum können schaut er im Vorbeifahren noch einmal aus dem Fenster zurück. Die junge Frau sitzt noch immer dort und starrt traurig auf den Boden.

Zwei Tage später. Simon sitzt beim Frühstück in der engen kleinen Küche. Er schmiert sich gerade Nutella auf ein Toastbrot. Dabei liest er ein Thesenpapier für das Referat in der kommenden Woche, das ihm Catrin per e-Mail zur Durchsicht hat zukommen lassen. Ihm gegenüber sitzt sein Mitbewohner Markus, der über die Zeitung gebeugt lautstark eine Schüssel Cornflakes in sich hineinschaufelt. Dabei schüttelt er ab und an gedankenverloren den Kopf, oder lässt ein zustimmendes Brummen hören.
Simon schaut aus dem Fenster. Es verspricht ein schöner sonniger Tag zu werden. In den Nachrichten hatten sie etwas von angenehmen zweiundzwanzig bis fünfundzwanzig Grad gesagt. Ob Catrin heute wieder ihr scharfes rotes Top tragen wird? Was Helen sagen wird, wenn ich sie nach der Vorlesung noch auf einen Kaffe einlade? Er kann zum Glück noch gemütlich zu Ende frühstücken, denn im Gegensatz zu Markus war er schon duschen gewesen. Schön, wenn man erst um elf an der Uni sein muß. Markus hat inzwischen seine Schüssel Cornflakes verputzt und den Rest Milch mit einem gierigen Schluck direkt aus der Schüssel heruntergeschlungen. Er reicht Simon die Zeitung mit dem Hinweis:
„Hier bitte. Seite drei, die Karikatur ist spitze. Ich geh kurz duschen.“
Simon lässt ein zustimmendes Brummen hören, beist in sein Toastbrot und nimmt sich ohne aufzusehen die Zeitung. Während er nach dem Kaffe greift, überfliegt er die Titelseite. Der fortschreitende Sozialabbau und der Beschluß weiterer Rentenkürzungen beherrschen mal wieder die Schlagzeilen. Das Titelbild zeigt den Außenminister bei seinem Besuch im Moskauer Kreml. Simon nimmt einen großen Schluck Kaffe und wendet die Zeitung, um sich den unteren Teil der Titelseite anzusehen.
Plötzlich zuckt er zusammen. Er verschluckt sich und leert sich beinahe heißen Kaffe über das frische Hemd. Was ist das? Er starrt das Foto an. Die Augen der Person werden von einem schwarzen Balken verdeckt. Kein Zweifel. Es ist eindeutig die junge Frau. Doch sie sieht jünger und gepflegter aus, als vor zwei Tagen am zentralen Omnibusbahnhof. Und sie schaut ihn freundlich lächelnd an. Doch die Schlagzeile darunter verschlägt ihm die Sprache und macht ihn schlagartig betroffen. Vorbei ist die Vorfreude auf einen schönen Sommertag mit netten Mädels. Tragischer Suizid legt Schienenverkehr lahm, steht dort schwarz auf weiß geschrieben. Darunter werden in einem kurzen Artikel die Zusammenfassung des tragischen Falls und seine Folgen geschildert. Simon überfliegt den Artikel, dann starrt er erneut auf das Foto der jungen Frau. Kein Zweifel. Es ist die junge Frau, die ihn zwei Tage zuvor angesprochen und mit ihren Problemen belästigt hatte und von der er so schnell wie möglich wieder wegkommen wollte.
Sein Appetit ist ihm mit einem Schlag vergangen. Lustlos legt er das halbe Toastbrot aus der Hand. Dann liest er den Artikel erneut. Und zwar diesmal genau. Er will wissen, was mit der Frau passiert ist. Die junge Frau, Tanja F. (26), war seit mehreren Tagen vermisst worden und hatte sich laut Morgenanzeiger in der Nacht zum Mittwoch von einer Brücke vor einen fahrenden Zug gestürzt. Die Strecke mußte daraufhin für mehrere Stunden gesperrt werden. Die Polizei schließt Fremdeinwirkung zum jetzigen Zeitpunkt aus und vermutet Liebeskummer als Ursache für den Suizid.
Simon starrt erneut auf das Foto. Er kann nicht glauben, was er da lesen muß. Es ist ein Passfoto, das die Presse dem Artikel beigefügt hat. Es muß etwas älter sein, denn die junge Frau wirkt jünger. Überhaupt wirkt sie gar nicht wie eine angehende Selbstmörderin. Nein, sie wirkt so normal. Nett, freundlich, gepflegt, nicht unbedingt sonderlich hübsch, dafür beinahe lebenslustig. Eine ganz normale junge Frau eben. Und jetzt? Jetzt ist sie tot.
Ein Schauer erfasst Simon. Ein schlechtes Gewissen macht sich zunehmend in ihm breit. Nicht nur, weil er überhaupt vielleicht einer der letzten war, dem sich die junge Frau in ihrer offensichtlichen Verzweiflung anvertraut hatte. Auch, weil er sie einfach nicht ernst genommen hatte. Im Gegenteil, er fand sie abstoßend und nervig. Und am nächsten Tag hatte er die Geschichte der Begegnung als gute Story unter seinen Freunden verkauft. Er hatte das tragische Schicksal der jungen Frau nicht nur ignoriert, sondern auch als Unterhaltungsmedium zum Zeitvertreib zwischen zwei Vorlesungen missbraucht. Und gemeinsam hatten sie sich dann über all diese durchgeknallten Freaks, die Verzweifelten und psychisch Labilen lustig gemacht. Wer konnte aber schon ahnen, dass es so schlimm um die Frau stand.
Simon fühlt sich mies und schuldig. Schuldig, weil er nichts Ernsthaftes unternommen hatte, die Verzweiflung nicht erkannt oder ernst genommen hatte, und mies, weil sie sich anschließend auch noch über das Leid anderer lustig gemacht hatten.
Er trinkt seinen Kaffe aus und beschließt zur Polizei zu gehen, um dort von seiner im Nachhinein nun unheimlichen Begegnung zu berichten. Es hat wohl keinen großartigen Sinn. Das ist ihm klar. Aber es scheint ihm doch das Geringste und Mindeste, was er nun für die junge Frau noch tun kann. Vielleicht ist es ja auch irgendwie möglich, den Angehörigen sein aufrichtiges Beileid und tief empfundenes Mitgefühl auszusprechen, oder dem Typ, der die junge Frau verlassen wollte, zu sagen, was er für ein Scheißkerl ist. Egal, was: Irgendetwas will und muß er tun.
Da kommt Markus aus der Dusche und will aufdringlich wissen, was Simon von der angesprochenen Karikatur auf Seite drei hält.
„Lass mich mit deiner scheiß Karikatur in Frieden. Es gibt wichtigeres im Leben.“
Und auch die Uni, seine Kumpels, Catrin und Helen können warten.

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